Ildefons Schuster zum Proprium des Passionssonntags
21. März 2026
Die Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat.
Die heutige Statio in St. Peter ist eine letzte Erinnerung an die Vigilien, die zu Papst Gelasius’ (492 – 496) Zeiten in der vorausgegangenen Nacht am Grabe des Apostelfürsten gefeiert wurde, ehe man zu den Weihen der Priester und Diakone schritt.
Mit dem heutigen Tag beginnt überdies die unmittelbare Vorbereitungszeit auf die Osterfeier, welche im 3. Jahrhundert mit einem zwölftägigen Fasten verbunden war. In der Liturgie, besonders im Stundengebete, trägt die Passionszeit einen in verschiedener Beziehung ausgezeichneten Charakter. Während in der Quadragesima , deren Ursprung einer späteren Zeit angehört, die Kirche sich der Unterweisung der Katechumenen widmete und die Büßer auf die feierliche Wiederversöhnung am Gründonnerstag vorbereitete, tritt diese Aufgabe in der Passionszeit zurück. Nur ein einziger Gedanke herrscht noch im Missale und Brevier: „der Gerechte“ fühlt die erbarmungslose Verfolgung der Juden, er ist unschuldig, aber durch den Haß der Gegner jeglichen Schutzes beraubt; daher wendet er sich an den himmlischen Vater, ruft ihn zum Zeugen seiner Unschuld an und beschwört ihn, daß er ihn „am Tage der Prüfung“ nicht verlasse.
Das Messformular des heutigen Sonntags ist ganz erfüllt vom Gedanken an das Opfer auf Golgatha und gehört zu den innigsten und schönsten des römischen Antiphonars. In dieser Zeit, da die Liturgie den immer mehr anschwellenden Haß der Synagoge gegen Jesus in überaus dramatischer Weise zum Ausdruck bringt, unterblieb nach den alten Ordines Romani die Enddoxologie nicht, weder bei der responsorialen noch bei der antiphonischen Psalmodie. Am Anfang der Messe wird heutzutage der Psalm Judica nicht gebetet, doch ist dieser Brauch nicht alt, noch hat er eine besondere Bedeutung. – Die Gebete, die der Priester am Fuße des Altares spricht, kommen erst gegen das 8, Jahrhundert im Frankenreich auf. – Da heute der 42. Psalm als Introitus gesungen wird, läßt man ihn beim Staffelgebet aus.
INTROITUS: (Ps. 42, 1-2) Jesus ruft den höchsten Richter an, weil seine Feinde das Todesurteil über ihn gefällt haben. Gott soll ihm Recht schaffen gegen das unheilige und heimtückische Geschlecht am Tag der Auferstehung; an diesem Tage wird aufleuchten das Licht und die Wahrheit, wovon der Psalmist heute spricht.
KOLLEKTE: Gott blicke gnädig auf die Kirche, seine Familie; seine Vorsehung stärke unseren Leib, und seine Gnade behüte unsere Seele. Ein herrliches Gebet, das fleht für die Nöte des Leibes und der Seele, aus denen der Mensch besteht. Die Vollkommenheit ruht in der Seele, doch muß auch der Leib mit seinen Sinnen nach den Vorschriften des Evangeliums sich betätigen, damit der herrliche Schmuck der Seele nach Außen in Erscheinung tritt.
EPISTEL (Hbr 9, 11-15) Der Apostel beweist die Überlegenheit des Neuen Testaments vor dem Alten, durch den endgültigen und vollkommenen Charakter des Opfers auf Kalvaria. Im Alten Bund mußten immer wieder die gleichen Opfer für die Übertretungen des Volkes dargebracht werden, und der Hohepriester pflegte selbst jedes Jahr einmal in das Allerheiligste einzutreten, um dort das Blut unvernünftiger Opfertiere auszusprengen; Jesus Christus aber hat im Purpurkleid des eigenen Blutes an der Spitze einer unzähligen Schar Erlöster ein für allemal die Sünden von Adams Nachkommenschaft gesühnt und ist für ewig in das himmlische Heiligtum eingetreten.
GRADUALE (Ps 142, 9. 10 und 17; 48-49) Der Tag der Prüfung naht; daher bittet der Herr in seiner Drangsal den Vater, er möge die Feinde nicht über ihn triumphieren lassen. Er verzweifelt nicht, im Bewußtsein, daß Gott ihn am Ostertage den Händen der grausamen Verfolger entreißen wird. Mögen diese auch mit dem Tode verbündet sein, so wird der Herr doch erhöht und sogar zum König seines treulosen Volkes gemacht.
TRAKTUS (Ps. 128, 1 – 4) enthält die gleichen Gedanken und schildert eingehend das Leiden des Herrn: Wie oft haben mich von meiner Jugend an Herodes und die Synagoge bekämpft, aber Macht über mich gewannen sie nicht. Wie Pflüger haben sie gleichsam auf meinem Rücken Furchen gegraben, als sie mich im Vorhofe des Pilatus an die Säule banden und grausam geißelten. Wohl haben sie tiefe Leidensfurchen auf meinem Rücken gegraben, allein der Herr ist gerecht. Er läßt wohl nach seinem unergründlichen, aber immer herrlichen Plane zu, daß der Böse eine Zeitlang de Unschuldigen bedrücke, aber am Tage des Triumphes, am Ostermorgen, wird er den Nacken der Frevler zerbrechen.
EVANGELIUM (Jo 8, 46 – 50) Der Bruch zwischen Jesus und dem Hohen Rat ist nunmehr vollzogen, die Verurteilung ist öffentlich und lautin den mehr als 300 Synagogen dr hl. Stadt verkündet. Jesus ist aus der Gemeinschaft Israels ausgestoßen, und jeder, der mit ihm verkehrt, verfällt gleichfalls der Strafe der Ausschließung. Die Juden halten den Heiland für besessen, er aber frägt sie, wer ihn auch nur einer einzigen Sünde zeihen könne. Dann geht er von der Verteidigung zum Angriff über und zeigt, daß seine Gegner nicht von Gott sind, da sie seinen Worten keinen Glauben schenken.
Ein furchtbarer Ausspruch der auch uns erkennen läßt, ob wir den Geist des Herrn besitzen oder nicht!Mund und Sinn fließen von dem über, wovon das Herz voll ist. Ist es von der Liebe zu Gott erfüllt, dann sind unsere Gedanken und unsere Worte gern bei Gott.
OFFERTORIUM (Ps. 118, 17.107) Der Gerechte wandelt mit Freuden den Weg der Gebote Gottes, auch wenn die Feinde dräuen. Jesus, „der Gerechte“, vom der Psalmist spricht, fleht inständig zum Vater um sein Leben, besonders jetzt, da die Juden entschlossen sind, es ihm zu nehmen. Er bittet nicht so sehr um das zeitliche Leben, denn er ist ja gekommen, um für uns zu sterben, sondern um das Leben der Auferstehung, das er durch die Gnade und Glorie seines mystischen Leibes mitteilen will.
SEKRET. Im Eingangsgebet zur eucharistischen Anaphora bitten wir den Herrn, er möge durch die Kraft des eucharistischen Opfers die Fesseln unserer Sündhaftigkeit zerreißen und uns die Schätze seiner Barmherzigkeit zuzuwenden. Gemeint sind hier wirkliche Fesseln, nach dem Wort des Heilandes: “Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.“ Wenn der Sünder die Gebote übertritt und wähnt, frei zu sein, dann liegt er gerade in den schimpflichsten Banden, ist ein Sklave der Leidenschaften und damit auch Satans.
Die COMMUNIO ist gegen die Regel weder einem Psalme noch dem heutigen Evangelium entnommen; sie stammt in etwas abgeänderter Form aus dem Lukasevangelium (oder 1 Kor 11, 24.25) und zeigt uns das eucharistische Opfer als Gedächtnisfeier des Leidens Jesu, das mit dem heutigen Tage beginnt. Ambrosius konnte mit Bezug hierauf sagen, daß die Kirche täglich das Begräbnis Jesu feiert, denn das innere Leben des Christen mit seinen Leiden, seiner Strenge, seinen Opfern sei nichts anderes als eine Fortführung und Vollendung des Dramas auf Golgatha; die Vollendung des einen Opfers Jesu Christi, das alle unsere Opfer in sich vereinigt, heiligt und weiht: „Mit dem einen Opfer hat er für immer dir zur Vollendung geführt, die sich heiligen lassen.“ (…)
Eine der schlimmsten Wunden unserer Zeit ist der Mangel an übernatürlicher Kraft. Davon sind selbst die Prediger angesteckt; sie wagen nicht, den Menschen unserer leichtfertigen Zeit zu verkünden, welch großer Widerspruch zwischen dem Zeitgeist und der Lehre Christi besteht. Sie wollen es den Gläubigen überall leicht machen und schließen dabei Kompromisse, die letzten Endes das Evangelium Christi zu einer reinen Mystifikation erniedrigen. Man will heutzutage nicht mehr an die letzten Dinge denken, der Prediger soll schweigen von den unverjährbaren Rechten Gottes und der Kirche, um ja nicht die Empfindlichkeit der Menschen zu verletzen. Solche Grundsätze sind aber nicht mehr die des alten Christentums, das die Welt erobert hat, sondern der Welt, die sich ein eigenen Christentum zurechtstutzt. Jesus Christus und die Martyrer haben uns das ganze Evangelium gelehrt, obwohl sie wußten, daß sie dafür sterben müßten.
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Zitiert nach: Ildefons Schuster, Liber Sacramentorum, deutsche Ausgabe Regensburg 1929, S. 157 - 161.
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