Vielleicht ist Südamerika ja wirklich ganz anders. Unaufgeräumte Gedanken eins Nicht-Theologen.
27. März 2026
Südamerikas alte Götter - tief in der Erde verwurzelt
Fast ein Jahr, nachdem Robert Prevost als Leo XIII Papst geworden ist, bleibt seine Wahrnehmung in der katholischen Öffentlichkeit immer noch bemerkenswert unscharf. Katholiken, die einfach nur „irgendwie katholisch“ sein wollen, ohne das mit allzu präzisen Vorstellungen zu verbinden, freuen sich iüber jeden Auftritt mit Mozetta. Und sie haben ja auch nicht unrecht damit. Das Lager der Reformer und Revolutionäre, vielleicht am glaubhaftesten vertreten durch die deutschsprachige Abteilung, hält sich mit klaren Aussagen vornehm zurück und tut das, was es schon immer getan hat: Unbeirrt auf dem nach dem Konzil eingeschlagenen Kurs weitermachen und dem Inhaber des Petrusamtes mal mit unverbindlichen Worten entgegenkommen, mal versuchen, ihn mit vollendeten Tatsachen auf der von Franziskus gewiesenen Linie festzuhalten.
Die Traditionalisten der verschiedenen Richtungen sind in sich gespalten. Einige sehen Leo immer noch als Hoffnungsträger, dem man nur ein wenig mehr Zeit geben muß, andere halten ihn für einen überführten Apostaten, der sich von Franziskus nur im geschmeidigeren Auftreten unterscheidet, und wieder andere, wissen immer noch nicht, wo sie dran sind. Das weiß unsereins auch nicht – aber wir versuchen zumindest, uns vor einer als immerwährende Hoffnung getarnten Leichtgläubigkeit zu bewahren. Es ist jedenfalls kein überzeugendes Bild, wenn die meisten Stimmen der Tradition angesichts der doch zumindest sehr bedenklichen Bilder von der Pachamama-Liturgie der peruanischen Augustiner konsequent verstummten, während sie jetzt angesichts eines diplomatisch-unverbindlich formulierten Schreibens des päpstlichen Staatssekretariats an die französischen Bischöfe in Siegesjubel ausbrechen, bloß weil er die Bischöfe auffordert, auch den Anhängern der Tradition gnädig zu sein – sofern sie das II Vatikanische Konil „anerkennen“.
Chris Jackson hat dafür in einem aktuellen Artikel" eine Reihe von deprimierenden Beispielen zusammengetragen – noch nicht dabei ist der Youtube-Auftritt von Gavin Ashenden, der Leo bereits zum Retter vor dem drohenden Schisma ausruft, weil er zu Position von Papst Benedikt zurückgekehrt sei und nun die Irrtümer von Franziskus verurteile.
So weit sind wir noch lange nicht, und ob wir in diesem Pontifikat jemals dazu kommen, wird sich bis zum 1. Juli herausstellen – vielleicht. Das Bild des Mannes aus dem peruanischen Hochland (die Jugendzeit in den USA kann man getrost beiseite lassen) bleibt immer noch bemerkenswert unscharf und wird durch unverbindliche diplomatische Erklärungen wie die des Staatssekretariats eher noch verunklart – insoweit müssen wir der Kritik von Chris Jackson durchaus zustimmen.
Nun hat OnePeterFive, wo die Wahrnehmung von Papst Leo in den vergangenen Wochen ebenfalls schwankte, unter Datum von 24. März einen Beitrag von Fr. Romano Tommasi SLD (?) veröffentlicht, der geeignet ist, dem Bild von Robert Prevost einige aufschlußreiche Deteils und Konturen hinzuzufügen. Sensationen sind dabei nicht herausgekommen, aber doch wichtige Anhaltspunkte zum besseren Verständnis dessen, was den neuen Papst geprägt hat. Wir versuchen uns mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen. Der Artikel Tommasis, der selbst jahrelang in Lateinamerika tätig war und die die Lage dort aus eigener Beobachtung kennt, ist endlos lang und anscheinend aus einem kurialen Italienisch maschinell in ein recht holpriges Englisch übertragen – wir versuchen unser Bestes.
Ein wichtiger Punkt seiner Darstellung, den wir bisher gar nicht auf dem Schirm hatten, betrifft die Lebenssituation der meisten Menschen auf dem Subkontinent. Diese Situation ist gekennzeichnet durch eine hierzulande kaum noch vorstellbare materielle Armut und Verelendung, noch verschärft durch einen extremen Mangel an Bildungsmöglichkeiten. Dabei treten vor allem zwei Kräfte an, die sich um eine Besserung bemühen. Das eine sind die überwiegend nordamerikanischen Hilfsorganisationen (ausführlich geht der Autor auf die Rolle von USAID ein), das andere sind die Kirchen, unter denen die katholische Mission längst keine unangefochtene Spitzenposition mehr einnimmt. Die extreme Notsituation hat dazu geführt, daß die Grenzen zwischen den beiden Kräften immer stärker verschwimmen. Befreiungstheologische Ansätze in welcher Form auch immer erscheinen wie die Luft zum Atmen – und wenn Hilfsgelder eben nur durch Anerkennung der westlichen Entwicklungsziele (z.B. in Sachen Geburtenkontrolle und Abtreibung) zu erlangen sind – nun, dann werden auch katholische Bischöfe kompromissbereit.
Befreiungstheologische Ansätze – nicht in klar ideologisch ausformulierter Form und oft kaum bewußt übernommen – sind fast allen katholischen Missionspriestern selbstverständlich. Handfester Pragmatismus bestimmt viel stärker als im immer noch idealistischen Tradition verbundenen Europa den Denkhorizont. Bei denen, die aus den USA oder Westeuropa kommen, macht sich zum zweiten seit vielen Jahren der Einfluß eines Denkens in Kategorien der „Entkolonialisierung“ bemerkbar. Das wird in der Theologie in der Regel nicht systematisch ausformuliert, führt aber generell zu einer reflexhaften Abwehr von allem, was als „europäisches Denken“ gilt – auch wenn das viele Grundsätze der christlichen Lehre betrifft. Und umgekehrt kann alles, was als „autochthon“ gilt, von vornherein mit großer Aufnahmebereitschaft rechnen – Inkulturation ist das Gebot der Stunde und läßt viele nicht- oder gar antichristliche Elemente übersehen.
Unter dem Einfluß dieser beiden Faktoren – Streben nach Verbesserung der materiellen Lebenssituation und Abwehr „europäisch-kolonialistischen Denkens“ auch in der Theologie hat sich seit den 70er Jahren ohne direkten Zusammenhang mit der marxistisch inspirierten Befreiungstheologie ein ekklesiologisches Modell herausgebildet, das auf kleine Gemeinschaften unter wesentlicher Führung von Laien abzielt und seine Hauptaufgabe in der „Option für die Armen“ sieht. Das ist – wenn wir den Autor richtig verstehen – also einerseits eine Parallelentwicklung zur Säkularisierung in der Welt der westlichen Industriestaaten, die sich aber andererseits in der Zielsetzung deutlich von dieser unterscheidet: Wo im Westen die „Selbstverwirklichung durch Konsum“ die erste Rolle einnimmt, geht es in Südamerika eher um eine „selbstbestimmte Identität“ – doch in beiden Fällen unter weitgehender Aufgabe der metaphysischen Bezüge.
Hinsichtlich der Rolle, die in diesem Zusammenhang „Pachamama“ zukommt, unterscheidet der Autor drei Perspektiven – die aber innerhalb des Denkens der Bevölkerung (und der bei ihr wirkenden Missionare) nicht scharf gegeneinander abgegrenzt sind: Eine ökologisch-liberationistische Richtung mit unverkennbar heidnischen Zügen, eine „getaufte“ Version, in der die Erdgöttin dann auch als Präfiguration der Gottesmutter Maria erscheinen kann, und eine breite Misch- und Grauzone, in der im Zeichen der Inkulturation die merkwürdigsten Dinge geschehen können – eben auch der von den Augustinern ausgerichtete „Pachamama-Ritus“, an dem Prevost ausweislich der Publikationen von 1995 aktiv teilgenommen hat.
In einem längeren Abschnitt versucht Autor Tommasi sodann, eine Grenze zwischen noch möglicher Fehldeutung im Rahmen akzeptabler Inkulturation und offener Apostasie zu einer heidnischen Gottheit nachzuzeichnen – ohne uns dabei wirklich überzeugen zu können. Das klingt im Tonfall doch sehr wie mittelalterliche Disputationen über die Frage, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können – aber vielleicht gewinnt der eine oder andere Leser einen positiveren Eindruck.
Das Wichtige, was wir aus diesem Teil des Artikels mitnehmen, ist der Befund des Autors, daß es um die Theologie im ganzen Bereich des lateinamerikanischen Katholizismus extrem schlecht bestellt sei. Hier hat man sich offenbar seit Jahrzehnten wirkungsvoll von den als Fesseln betrachteten Methoden und Einsichten des traditionellen (europäischen!) theologischen Denkens befreit und bewegt sich in Gefilden, die Außenstehenden nur noch schwer zugänglich sind.
Das letzte Drittel des Artikels, in dem der Autor der Frage nachgeht, inwieweit sich Robert Prevost durch die Teilnahme an der Pachamama-Zeremonie eines objektiven Verstoßes gegen das Kirchenrecht schuldig gemacht habe – Tommasi verneint das – lassen wir hier ganz außer Acht, weil es so, wie die Dinge liegen, weder auf Tommasis noch auf unsere Meinung zu dieser Frage wirklich ankommt. Die Kardinäle der Kirche haben den südamerikanischen Nicht-Theologen (zumindest nach herkömmliche Kriterien ist das „Nicht“ kaum zu bestreiten) zum Papst gewählt, die überwältigende Mehrheit von Episkopat, Klerus und Laien erkennt ihn als solchen an – da erübrigt sich jede weitere Debatte. Interessanter erscheint uns die Überlegung, was es bedeutet, daß mit Leo nun nach Franziskus schon zum zweiten Mal ein in diesem Sinne als Nicht-Theologe zu betrachtender Mann das höchste Lehramt der römischen Kirche verwalten soll.
Jorge Bergoglio stützte sich bei dieser fast unmöglich erscheinende Aufgabe auf seine gelegentlich sehr unkonventionellen persönlichen Ansichten und auf seinen autoritären Charakter, mit dem er diese Ansichten durchsetzte. Bei Robert Prevost ist beides entschieden schwächer ausgeprägt, und da er sich anscheinend auch seiner – zumindest nach römischen Maßstäben – defizitären theologischen Kompetenz bewußt ist, stützt er sich einerseits auf überkommene Formen und andererseits auf die von seinem Vorgänger ererbten und von ihm selbst als solche anerkannten theologischen Fachleute der Kurie. Da die südamerikanische „Nicht-Theologie“ und der seit DEM KONZIL in Rom tonangebenden säkularistische Reformismus eine gewisse gemeinsame Schnittmenge aufweisen; kann das sogar eine Zeit lang funktionieren.
Um diese unaufgeräumten Gedanken eines Nicht-Theologen zu einem ernsten Thema auf einer leichteren Note und mit dem Zitat aus dem schriftstellerischen Wirken eines anderen Nicht-Theologen zu beschließen: „Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!“
*