Nachtrag zum Vorschlag eines einheitlichen Missales für Novus und Vetus ordo
28. März 2026
Bei der Konzelebration in Solesmes
Die Debatte über den Vorschlag von Dom Kemlin, die Auseinandersetzungen über die Liturgie durch die Einfügung wesentlicher Teile des alten Ordinariums als „Option“ in das Missale Pauls VI. zu befrieden, scheint – soweit sie überhaupt geführt wurde – schnell wieder einzuschlafen. Auch ein feuriger Verriß des Vorschlags von Peter Kwasniewski konnte die ermüdeten Geister nicht in Bewegung bringen. Selbst kompromißbereite Anhänger der Tradition wollen die verhängnisvolle Optionitis des Reformmissales nicht noch weiter vorantreiben, und die Übernahme des neuen Kalenders und Lektionars erscheint vielen als völlig unmöglich – und das mit guten Gründen: Wenig überraschend gibt es im Proprium vieler Tage einen engen Zusammenhang zwischen Orationen und Lesungen. Den aufzubrechen würde entweder den Sinnzusammenhang der alten Liturgie schwer beschädigen – oder noch weitere Übernahmen bei den Orationen nahelegen. Und die Orationen des Reformmissales sind vielfach noch stärker als sinnentstellend gekürzte Perikopen Ausdruck der Tatsache,, daß die Schöpfer des Novus Ordo einen ganz und gar anderen oder doch sehr verkürzten und verflachten Glauben propagieren wollten, als die apostolische Tradition ihn überliefert.
Hier kann man mit Peter Kwasniewski zu recht die Frage stellen, wie schlecht es selbst in der einst als Mittelpunkt liturgischer Forschung geltenden Abtei von Solesmes und die liturgische Bildung stehen muß, wenn dieses Problem gar nicht gesehen wird. Dann kann man ja gleich den Novus Ordo in lateinischer Sprache als Ausweg aus der Krise empfehlen. Wobei dem Abt von Solesmes noch zu gute zu halten ist, was wir bereits im Zusammenhang mit den Zisterziensern von der strengen Observanz in Nový Dvůr angesprochen hatten: Klöster, die wirklich nach der strengen Ordnung des heiligen Benedikt ein tätig-kontemplatives Leben führen, bieten ideale Voraussetzungen dafür, daß die Schwächen und Nachteile des Novus Ordo dort nicht zur Geltung kommen: Bei täglich sechs oder mehr Stunden Psalmengebet, Schriftlesungen und Predigten von Kirchenvätern, verbunden mit konkreter Arbeit in Garten oder Skriptorium und ergänzt durch kirchenpolitische Abstinenz, findet der Modernismus wenig Anschlußstellen. Aber auch das kann mangelnde liturgische und liturgiegeschichtliche Bildung nicht voll kompensieren.
Dabei hätte Dom Kemlin in seinem persönlichen Lebensweg einiges an Anschauungsmaterial finden können, um ihn die schwache Tragfähigkeit seines Vorschlags erkennen zu können. Er selbst war ursprünglich in die „altrituelle“ Abtei von Fontgombault eingetreten, deren Mönche immer wieder von römischen Kreisen konzilsfeindlicher Umtriebe verdächtigt werden und unter diesem Druck dann gelegentlich auch in eine „reformierte“ Abtei überwechseln. Tatsächlich gehört Fontgombault auch 50 Jahre nach Ablehnung des Novus-Ordo immer noch zur Benediktinerkongregation von Solesmes und bildet so ein Beispiel dafür, daß eine Koexistenz zwischen beiden Richtungen bei beiderseitigem guten Willen möglich ist. Sie erfordert aber einiges an Kraftaufwand und ist nicht immer so friedlich, wie alle Beteiligten das gerne hätten.
Wieweit diese Koexistenz zur Zeit von Papst Benedikt durch tätige Nachhilfe aus Rom gefördert und unter Franziskus durch kuriale Störmanöver belastet wurde, ist für Außenstehende schwer erkennbar. Jedenfalls kam es mehrfach zu Meinungsverschiedenheiten, die den Bestand der Kongregation gefährdeten – von daher sollte Abt Kremin eigentlich aus erster Hand darüber informiert sein, welches Sprengpotential in allen Ansätzen zur Versuch einer Vereinheitlichung des Ritus auf der Basis der Reform von 1979 steckt. Spätestens seit Traditionis Custodes, haben wir es mit Brief und Siegel, daß die oberste Kirchenleitung die Unterschiede zwischen vor- und nachkonziliarer Liturgie und Lehre als so schwerwiegend betrachtet, daß sie kirchentrennendes Potential entfalten. Da hilft ein gemeinsamer Einband auch nicht weiter.
Ebenfalls aus erster Hand sollte er darüber informiert sein, daß der Wechsel von Franziskus – der im übrigen an liturgischen Fragen nicht sonderlich interessiert war, den Feinden der Tradition jedoch großzügigen Spielraum gewährte – zu Leo bisher keine substantiellen Anzeichen einer Entspannung gebracht hat. Die Väter von Traditionis Custodes (in erster Linie zu nennen hier Gottesdienst-Präfekt Roche und (Wirr-)Glaubens-Präfekt Fernandez samt ihren Mitarbeitern sind nach wie vor unangefochten in Amt und Würden. Die angekündigten Bischofsweihen bei der FSSPX haben ihnen jetzt Auftrieb gegeben. Dabei war es seit langem bekannt, daß die Personallage bei der Piusbruderschaft eher früher als später neue Bischofsweihen erforderlich machen würde – aber Papst Leo hat alle Versuche der Bruderschaft, ein direktes Gespräch in Gang zu bringen, mit Schweigen beantwortet.
Nachdem jetzt ein Weihetermin genannt ist, hat sich der römische Ton erheblich verschärft, das Schlagwort vom Schisma ist allgegenwärtig. Immer lauter wird als Voraussetzung jedes Gesprächs die Forderung nach uneingeschränkter „Anerkennung DES KONZILS“ erhoben – während doch über die korrekte und verbindliche Interpretation seiner vielfach ambivalenten Dokumente auch 60 Jahre nach dessen Abschluß immer noch keine Klarheit besteht. Im Gegenteil: Durch den exzessiven Mißbrauch der päpstlichen Macht unter Franziskus sind auch Texte des I. Vatikanums, die bislang in einer gewissen Pragmatik übereinstimmend interpretiert worden waren, ebenfalls ins Zwielicht geraten: Müssen wir dem Papst wirklich auch da gehorsam sein, wo er Christus den Gehorsam, wie das Kardinal Ré unlängst ausgeführt hat? Das wäre bei allem Ultramontanismus der damaligen Zeit auch noch auf dem I. Vatikanums undenkbar gewesen.
Unter diesen Umständen muß man dem ehrwürdigen Abt von Solesmes eine gewisse Blauäugigkeit unterstellen, wenn er jetzt vorschlägt, einige Teile (denn mehr ist das, was er vorschlägt, nicht) der überlieferten Mess-Liturgie quasi als Option in den Novus Ordo einzubauen, ohne auch nur einen Gedanken der Spendung anderer Sakramente zuzuwenden Ein solches Liturgisches Puzzle mag für das Missale des Ordinariats der Anglikaner funktioniert haben – wo man sich in den Grundfragen von Glaube und Lehre weitgehend einig ist und auf dieser Basis recht geschickt verschiedene historische Traditionen unter einen Hut gebracht hat. Aber genau diese Übereinstimmung in den Grundfrage ist in der katholischen Kirche (oder sind es schon mehrere verschiedene Kirchen?) des Jahres 2026 nicht gegeben, und sie erscheint angesichts der Umtriebe der Synodalisten in Deutschland und deren Gegenstücken Hollerich und Grech in Rom weiter entfernt als je zuvor.
Der Formelkompromiß eines „kombinierten“ Missale wäre vielleicht 1969 denkbar gewesen, als die katastrophalen Auswirkungen der NO-Praxis noch nicht so deutlich erkennbar waren und die Tradition ihre theologischen Argumente für die Beibehaltung der überlieferten Liturgie- nicht nur im Missale – noch nicht so weit ausformuliert hatte. Doch dieser theoretisch denkbare Zeitpunkt wurde durch das Sendungsbewußtsein und den Machbarkeitswahn der Reformer des Consiliums und den mangelnden Durchblick von Papst Paul VI. hinsichtlich des untrennbaren Zusammenhanges von Form und Inhalt verpaßt – und das Verhängnis nahm seinen Lauf.
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