„Wie Christus am Ölberg getrauert hat“
01. April 2026
Aus dem „Großen Leben Christi“ des Martin v. Cochem
Die Nacht am Ölberg
In unserer Ausgabe des großen Lebens Christi des Martin von Cochem, die 1763 (d.h. ziemlich genau 50 Jahre nach dem Tod des Autors) gedruckt wurde, nimmt die Zeit vom Ende des Abendmahls bis zur Grablegung Christi 450 Druckseiten ein, die soviel Text enthalten wie zwei moderne Taschenbücher. Die Fülle des hier ausgebreiteten Materials verdankt sich drei Quellen: Zum einen den Evangelien selbst, die in barocker Breite ausgeschmückt „verarbeitet“ werden. Zum zweiten Visionen von hochmittelalterlichen Mystikerinnen wie Mechthilde von Magdeburg oder Brigitta von Schweden, die während in der beginnenden Neuzeit viel gedruckt und gelesen wurden. Zum Dritten schließlich allgemeinen Elementen der Theologie des Spätmittelalaters, die durch die rege Tätigkeit von Predigern (wie Martin selbst einer war) sowie im unendlichen Bilderschatz der religiösen Kunst immer wieder für die Volksfrömmigkeit nutzbar gemacht wurden wurden. Diese dritte Quelle kommt vor allem für die zahlreichen immer wieder in den Text eingeschobenen „ascetischen Betrachtungen“ in Frage.
Als Beispiel für diese Art der Beschreibung des Lebens und Leidens des Erlösers zitieren wir die ersten Abschnitte aus dem Kapitel über Christus am Ölberg „Von den Ursachen der Traurigkeit Christi“: (Rechtschreibung und Grammatik gelegentlich zur Erleichterung des Verständnisses leicht angepasst)
Andächtige Seel, im vorigen Kapitel hast du mit Schrecken deines Herzens angehört, wie unermäßlich Christus sich betrübet habe. Ohne Zweifel wolltest Du gerne die Ursach diese so großen Betrübnis wissen. Es sind aber deren so viele, daß niemand dieselbe genugsam kann erklären. Damit du sie aber desto ordentlicher betrachten könnest, so wollen wir all dieselbige in vier Hauptursachen zusammen ziehen.
Die erste Ursach, warum der liebe Jesus also ist betrübt worden, war der schmähliche Tod und die grausame Marter, so er an dem anderen Tag leiden mußte. Er hatte zwar all sein Lebtag verlangt, für das menschliche Heil zu leiden und zu sterben, anjetzo aber, da die Menschheit von der Gottheit ganz verlassen war, hat er den Tod unendlich mehr gefürchtet und gescheut, als immer ein Mensch gethan hat oder thun kann. Es geschieht bisweilen, daß ein junger Mensch zur Hinrichtung geführt wird, allwo man wunder siehet, wie solcher Mensch sich so ungern in den Tod ergibt. Er fallet vor allen Umstehenden auf die Knie und bittet um Gottes Willen, so wollen für ihn um Gnad anhalten. Er selber rufet mit kläglicher Stimme und mit vielen bitteren Zähren sprechend: Ist denn ganz und gar keine Gnad zu erlangen? Ist denn niemand da, der für mich armen Sünder bittet? Er läuft vor Angst des Todes im ganzen Kreis herum, und aus großer Furcht und Bangigkeit will er dem Henker nicht stehen. Ja, er heulet so erschröcklich und schreiet so erbärmlich, daß sich alle Menschen seiner müssen erbarmen.
Ebenso und noch viel tausendmal bitterer, kam es dem betrübten Heiland vor, daß er sollte sterben und einen so gar bittern Tod ausstehen. Seine edle Natur, die in ihrem besten Flor im vier und dreißigsten Jahr seines Alters war, hatte solchen Abscheu vor dem Sterben, daß es ihr nicht möglich, noch menschlich schiene, darein einzwiligen. Darum lief der betrübte Christus in größter Angst seines Herzens dreimal zu seinem Vater. Lag drei ganze Stunden auf seinen Knien und bat bei Gott um Gnade. Er lief aus Furcht des Todes dreimal zu seinen Jüngern, bittend, gleichsam um Gottes Willen, sie sollten für ihn um Gnad anhalten. Er rief Himmel und Erde, Mond und Sterne an, sie sollten für ihn um Gnad bitten, daß er nicht sterben müsste. Endlich als er sah, daß keine Gnade zu erhalten war, da schwitzte er vor unaussprechlicher Furcht des Todes an seinem ganzen Leibe auf unerhörte Weise einen blutigen Schweiß, also bang war ihm vor dem drohenden Tode.
Warum er aber so ungern starb, war die Ursache, dieweil er wußte, daß sein Leben kostbarer war als das Leben aller Kreaturen; darum liebte er sein Leben mehr und suchte dasselbe mehr vor dem Tod zu beschützen, als immer eine Kreatur getan hat. Er wußte auch, wie es seiner lieben Mutter und seinen lieben Jüngern so tröstlich sein würde, wenn er noch eine Weile bei ihnen sein könnte, darum war seiner Empfindsamkeit gleichsam nicht möglich, in den Tod einzuwilligen. Drittens wußte er auch und stellte es sich vor, wie es der Welt so nützlich sein würde, wenn er noch etliche Jahr leben sollte: Dieweil er noch viel tausend Kranke könnte gesund machen, viel tausend Sünder bekehren, so viel tausend betrübte Herzen trösten , viele gute Werke verrichten und seinem Vater viel Ehr und Dienste könnt erweisen. Indem er dieß gedachte, meinte er ihm nicht möglich zu sein, daß er jetzt sterben könnte.(…)
Gleichsam wie in einem Spiegel sah er alle Schmerzen, die er ausstehen sollte. Er sah, wie er wurd gefangen, gebunden, geschlagen, gegeißelt, gecrönet, gecreutziget, verachtet, verlacht, geschmäht und geschändet werden. Ja, dieß sahr er nit allein, sondern er stellte es sich so stark vor, daß ihm nit anderst wäre, als ob er schon wirklich litte. Sei Haupt thäte ihm schon so weh, als wann die Dörner schon drin steckten. Sein Rücken thäte ihm so wehe, als wann er schon ganz zerschlagen wäre. Seine Schultern thaten ihm so wehe, als wann er das Kreutz darauf liegend hätte. Und seine Händ und Füß´ thäten ihm so wehe, als ob die Nägel schon darin steckten. Zudem sah er auch, wie alle Menschen dabei mitmachen würden, ihn zu peinigen und ihm ein jeder alles Leid antun würde. Er sah, wie die Juden und Heiden, Hohepriester und Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrte, Soldaten und Höflinge, Männer und Weiber, Knecht und Mägde, Kinder und Roß-Buben, Schinder und Henker, ihn auf das allerärgste würden peinigen. Über alles aber sah er, wie sein himmlischer Vater ihn ganz und gar verlassen, ja sich selbst wegen der Sünd an ihm rächen würde. Ja der Vaterwürde sich nicht allein selbst an ihm rächen, sondern würde auch dem Teufel Gewalt über ihn geben, daß er mit ihm ärger dürfte umgehen, als er mit dem armen Job umgangen war.(…)
Dies alles sah Jesus vor seinen Augen – und nun stelle dir vor, als ob dich Christus also anredete: Meine liebe Creatur, siehe, wie die Furcht des Todes mir so angst und bang mache. Wer anders ist Ursach, daß ich sterben muß, als eben Du. Du gottloser Sünder bringst mich um meine Leben; du bist ein Mörder an meinem Leibe. Hättest du nichts gethan, so wäre ich nimmer in dieses Leid gekommen. Dieweil du aber meinen Vater so schwerlich erzürnt hast, darum muß ich ohne Gnade sterben. Wie willst du dein Lebtag verbitten können, daß du mich so unschuldiger Weise um mein Leben bringst und daß Du der ganzen Welt soviel schadest, derweil ich so bald von ihr scheiden muß.
(Hier schließt sich im Text wie oft an passender Stelle ein Gebet an, das der Autor dem Leser ans Herz legt:)
O Christe Jesu. Vor Schrecken weiß ich nicht, was ich dir antworten soll.Ich hab nimmer geglaubt, daß meine Sünden eine solche Bosheit in sich hätten, aber nunmehr sehe ich, daß die selbigen deines Todes schuldig seien. Oh weh mir Armen. Dann bin ich ein Gottesmörder, dieweil ich Christum in den Tod gebracht habe. Ich bin ärger als Kain, der seinen Bruder umgebracht hat; denn ich habe den eingeborenen Sohn des ewigen Vaters töten helfen. Gleichwohl will ich nicht verzweifeln, wie Kain, sondern bei dem, dessen Tods ich Ursach bin, um Gnad bitten. O gütigster Jesu! Ich bekenne meine Schuld, und bitte demütig um Gnad. Gedenk, o Christe, daß Du mir zulieb in solche Todesangst kommen bist, darum lasse dieselbe an mir nicht verloren sein. (Zeile aus dem Dies Irae!) Ich verspreche dir, daß ich mein Lebtag keine Todsünd tun wolle, wofern du mir deine göttliche Gnad dazu verleihst. Amen.
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Mit diesem Gebet endet die Beschreibung der ersten der „Ursachen von der Traurigkeit Christi.“ Die nächsten beiden, deren Darstellung man bei einer alten Ausgabe des Großen Lebens Jesu (jüngere Ausgaben sind hier oft erheblich gekürzt) nachlesen kann, sind: „Die vielfältigen, schweren Sünden, welche von Anfang der Welt begangen worden und noch bis zum Ende der Welt würden begangen werden.“, sowie an dritter Stelle „Die Undankbarkeit der Menschen, die sie ihm für sein Leiden erweisen würden“. Die zu Anfang des Kapitels angekündigte vierte Ursache fehlt in meiner den Seitenzahlen nach vollständigen Ausgabe und ist auch in mir zugänglichen späteren Ausgaben nicht enthalten. Falls sie überhaupt jemals beschrieben worden sein sollte, ist sie früh verloren gegangen, wahrscheinlicher aber war sie nie vorhanden. Die drei vorhandenen Punkte sind schon mehr als genug, um einen Eindruck von der meditativen und emotionalen Frömmigkeit zu vermitteln, die Martin von Cochem im Lauf zweier Jahrhunderte Millionen Leser zuführt – und deren Verschwinden auch seinen Namen und sein Werk so gut wie ausgelöscht hat. Auch das eine Form der „Undankbarkeit“ gegenüber dem Leiden Christi.
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