Summorum Pontificum.de

Wieder einmal: Was kommt da auf uns zu?

13. April 2026

3 - Tradition

Gruppenfoto der Bischöfe in Lourdes

Die Teilnehmer der Bischofskonferenz in Lourdes

Seit Wochen zerbrechen sich liturgische Traditionalisten und ihre Widersacher den Kopf über diesen Satz aus einem Schrei­ben des Vatikan an die französischen Bischöfe:

Es begint ein Zitat

„Liebe Brüder, Sie beabsichtigen, sich mit dem heiklen Thema der Liturgie auseinanderzusetzen, dem der Heilige Vater im Kontext des Wachstums der dem Vetus Ordo angehörenden Gemeinschaften besondere Aufmerksamkeit widmet. Es ist besorgniserregend, daß in der Kirche hinsichtlich der Feier der Messe, dem Sakrament der Einheit selbst, weiterhin eine schmerzhafte Wun­de besteht. Ihre Heilung erfordert eine erneuerte Offenheit für­einander und ein tieferes Verständnis für die Empfindlichkeiten des anderen – eine Per­spek­tive, die es den Brüdern, bereichert durch ihre Vielfalt, ermöglicht, einan­der in Liebe und in der Einheit des Glaubens willkommen zu heißen. Möge der Heilige Geist Sie mit praktischen Lösungen inspirieren, die jene, die dem Vetus Ordo aufrichtig ver­bunden sind, großzügig einbeziehen und mit den Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Liturgie übereinstimmen.“

So stand es in einem Brief, den Kardinalstaatsekretär Parolin am 18. März Kardinal Parolin an die Französische Bischofskonferenz gerichtet hatte – und nicht etwa Papst Leo selbst, wie vielerorts hoffnungsfroh gemutmaßt wurde. Würde der Papst jetzt entscheidende Schritte zur Heilung der angesprochenen Wunde einleiten? Vielleicht auf dem für Anfang Juni einberufenen Kardinalskonsistorium, für dessen Tagesordnung er auch eine Diskussion über liturgische Fragen und über Traditionis custodes vorgesehen hat. Besonders weit mit dahingehenden Vermutungen ging der Vorsitzende der engli­schen Una-Voce, Joseph, Shaw, der in mehreren Artikeln (z.B. auf Catholic Herald; deutsch hier) die Vermutung äußerte, der Papst habe damit einen weitgehenden Kurs­wechsel und eine umfassende Rehabilitation der überlieferten Liturgie eingeleitet. Wie viele andere übersah er den letzten Satz des Absatzes mit den „praktischen Lösungen“, der aufrichtigen Verbundenheit und der als Voraussetzung genannten „Übereinstimmung mit den Richtlinien des zweiten Vatikanischen Konzils zur Liturgie.“ Auch Formulier­un­gen wie „Verständnis für Empfindlichkeiten“ lassen aufmerken – Es sind nicht bloße „Empfindlichkeiten“, die die Anhänger der überlieferten Liturgie vor dem Novus Ordo und allem, was damit zusammenhängt, zurückschrecken lassen.

Das hat sich inzwischen ja auch herumgesprochen: In den Auseinandersetzungen um die Liturgie geht es eben nicht nur um die Liturgie, um die gottesdienstliche Sprache oder Farbe und Schnitt von Gewändern. Es geht um theologische Grundfragen der Ekklesio­logie und der Sakramentenlehre. Jahrzehntelang hat man das abgestritten und uns gesagte da sei auch nach dem Konzil und in der neuen Liturgie alles beim Alten geblieben – doch seit Traditionis Custodes wird mit zunehmender Aggressivität verkündet, nein, DAS KONZIL habe so tiefgehende Änderungen vorgenommen, daß die überlieferte Liturgie nicht nur alt, sondern tatsächlich veraltet sei und nicht mehr oder nur unter besonders einschränkenden Bedingungen verwandt werden dürfe. So schrieben es Papst Franziskus und Liturgiepräfekt Roche in Traditionis Custodes, und so gilt es seitdem als Recht der Kirche. Sollt der Kardinalstaatssekretär wirklich die Absicht gehabt haben, den französischen Bischöfen ein Abrücken von dieser Linie anzudeuten?

Im französischen Episkopat selbst scheint jedenfalls eine andere Stimmung stark zu sein, vielleicht sogar mehrheitsfähig. Mike Lewis, der Gründer des hyper-ultra-papalistischen amerikanischen Webportals Where Peter is mit guten Verbindungen zu den Gegnern der überlieferten Liturgie weltweit, gibt die Vorstellungen dieser Bischöfe in seinem Artikel folgendermaßen wieder:

Es begint ein Zitat

Die französischen Bischöfe lassen sich generell in zwei Lager einteilen: jene, die von Leo die strikte Einhaltung der von Papst Franziskus festgelegten Normen forderten, und jene, die „zu einem gewissen Entgegenkommen bereit sind, jedoch nur unter bestimmten Be­din­gungen“. Keine der beiden Gruppen fordert eine Aufhebung der Traditionis Custodes, und es herrscht unter den französischen Bischöfen weitgehend Einigkeit über das letzt­endliche Ziel: liturgische und kirchliche Einheit im Einklang mit dem Zweiten Vatikani­schen Konzil.

Die konkreten Vorschläge der letzteren Gruppe spiegeln laut La Croix diese Ausrichtung wider. In gewisser Weise gehen sie über die Traditionis Custodes hinaus, denn anstatt den Zugang zur älteren Messe lediglich einzuschränken, schlagen sie Bedingungen vor, die traditionalistische Gemeinden dazu ver­pflichten würden, sich der reformierten Litur­gie anzunähern und im Gegen­zug für jegliche weitere Zugeständnisse echte Zugeständ­nisse zu machen.

La Croix nennt mehrere konkrete Bedingungen, die diese Gruppe verlangt. Von den Gemeinden, die der älteren Messe anhängen, würde erwartet, daß sie die Lesungen und den Kalender des reformierten Messbuchs übernehmen. Andere Sakramente – Taufe, Ehe und Firmung – würden im nachkonziliaren Ritus gefeiert, wobei Latein weiterhin verwendet werden könne. Die direkte Aufsicht über die Messfeiern läge bei den Diözesanbischöfen, und Priester könnten sich nicht länger kategorisch weigern, die reformierte Liturgie zu feiern. Die Bischöfe bezeichneten diese kategorische Ablehnung als „Exklusi­vismus“ und nannten sie „inakzeptabel“, da sie der Vision der „gegenseitigen Bereicherung“ widerspreche, die Benedikt XVI. zusammen mit Summorum Pontificum formuliert hatte.

Will Kardinal Parolin die Franzosen dazu auffordern, von dieser Linie abzurücken - oder legt er ihnen nahe, genau diese Art der Absorbierung von Trümmern des überlieferten Ritus als ihren Wunsch an den Papst heran zu tragen? Parolin selbst läßt in bester Tradi­tion der vatikanischen Diplomatie beide Interpretationen offen- scheint uns jedoch mit seiner Bekräftigung der „Richtlinie des Konzils zur Liturgie“ einen Hinweis zu geben. Auch das Schreiben von Abt Kemlin an den Papst deutet eher in die zweite Richtung. Mike Lewis sieht es ebenso. Und er fügt nach eine interessante zusätzliche Information an:

Es begint ein Zitat

La Croix berichtet außerdem, daß die Bischöfe den Status quo als nicht trag­bar ansehen. Da Franziskus selbst nach Erlass des Motu proprio Traditionis Custodes verschiedenen traditionalistischen Gemeinschaften Ausnahmen gewährte, ist das Motu proprio, wie ein Bischof es ausdrückte, „schwer anzu­wenden“. Eine päpstliche Klarstellung sei daher unausweichlich. Diese ehrli­che Einschätzung deutet darauf hin, daß derartige Klarstellungen wahrschein­lich erfolgen werden.

Um die Brisanz des hier berichteten noch einmal in aller Deutlichkeit darzustellen: Falls die hier wiedergegebenen Vorstellungen der französischen Bischöfe nicht nur Überle­gun­gen in einem Teil eines regionalen Episkopats sind, sondern eine Widerspiegelung römi­scher Absichten darstellen und dementsprechend früher oder später umgesetzt würden, wäre das ein Programm zur völligen Zerstörung der liturgischen Form der Tradition und des Entzugs der Existenzgrundlage für die dieser Tradition verpflichteten Priestergemeinschaften.

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Wir haben bereits vor 5 Jahren unter der Überschrift Was Kommt da auf uns zu Teil I und Teil II über die damals aus Rom kommenden Gerüchte zur Abschaffung der überliefer­ten Liturgie berichtet. Diese Gerüchte und damit auch unser Bericht waren insoweit un­zu­treffend, als diese Gerüchte die bevorstehende Veröffentlichung konkreter Rechtsakte vermuteten. Sie waren jedoch insoweit höchst zutreffen, als sie Zielvorstellungen der kurialen Planungen korrekt wiedergaben – zu deren Verwirklichung sich die Kurie, wie es ihre Art ist, viele Jahre und erforderlichenfalls Jahrzehnte Zeit läßt. Die Berichte von La Croix und Where Peter is über die jüngste Versammlung der französischen Bischofs­konferenz im vergangen März zeigen, daß nach wie vor in genau der damals skizzierten Richtung gearbeitet wird. Der Wechsel im Pontifikat scheint daran nichts geändert zu haben.

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