Das verlorene Fest des hl. Joseph
24. April 2026
Von Matthew Plese
Hl. Joseph, Schutzherr der Kirche
Am Mittwoch dieser Woche (22. April) wäre nach dem alten Kalender von vor 1955 das Fest des hl. Joseph, Schutzherren der Kirche gewesen, es wurde im Zuge der ersten großen Liturgiereform 1955 abgeschafft, um Platz für das neu eingerichtete Fest des „Hl. Joseph der Arbeiter“ am 1. Mai zu schaffen. Auf OnePeterFive hat Matthew Plese Motive und Auswirkungen dieser bereits 10 Jahre vor dem Konzil durchgeführten „Verheutigung“ eingehend untersucht – wir übersetzen daraus die wesentlichen Passagen.
Wer bisher der Ansicht war, Kalender und Heiligenfeste böten weiten Raum für Kompromisse zwischen authentischem und modernisiertem Ritus der lateinischen Kirche, findet hier ernstzunehmende Argumente, seine Position zu überprüfen.
Das 1847 von Papst Pius IX. eingeführte Fest des Schutzpatrons des heiligen Josef war kein unbedeutender Ausdruck von Frömmigkeit, sondern ein theologisches Bekenntnis. Es verkündete, daß dem Nährvater Christi, dem Beschützer der Heiligen Familie, der Schutz der gesamten Kirche anvertraut worden war. Die Wahl des Festes in der Osterzeit war bewusst. Die Kirche, neu erstrahlt im Glanz der Auferstehung, wandte sich dem zu, der ihr Haupt in der Kindheit behütet hatte, und rief ihn als Beschützer des mystischen Leibes an.
Doch 1955 wurde dieses Fest abgeschafft. Sein Verschwinden war kein Zufall. Es war Teil einer umfassenderen Umgestaltung des römischen Kalenders, bei der bestimmte, organisch gewachsene Tage der Verehrung durch neuere Feste ersetzt wurden, die direkter auf die Bedürfnisse der Moderne eingehen sollten.
Die Theologie des Schutzpatrons
Das Fest des Schutzpatrons des heiligen Josef war Ausdruck einer über Jahrhunderte gereifte theologische Entwicklung. Die Verehrung des heiligen Josef hatte in der lateinischen Kirche stetig zugenommen und gipfelte 1870 in seiner Ernennung zum Patron der Gesamtkirche durch Papst Pius IX. Doch schon vor dieser formellen Verkündung hatte die Kirche begonnen, Josefs Rolle nicht nur als Beschützer der Kindheit Christi, sondern auch als Bewahrer des Leibes Christi in der Geschichte zu verdeutlichen.
Die Feier dieses Festes in der Osterzeit war überaus passend. So wie Josef einst das Jesuskind vor Herodes’ Gewalt beschützt hatte, so wurde er nun angerufen, um die Kirche vor Verfolgung und innerem Verfall zu bewahren.
1955: Abschaffung und Ersatz
1955 führte Papst Pius XII. das Fest des heiligen Josef des Arbeiters am 1. Mai ein und ließ gleichzeitig das Fest des Schutzpatrons des heiligen Josef aus dem Kalender streichen.
Das neue Fest war eindeutig als Reaktion auf die modernen gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere den Aufstieg säkularer Arbeiterbewegungen und sozialistischer Ideologie, gedacht. Indem die Kirche das Fest des heiligen Josef auf den 1. Mai legte – ein Datum, das international mit Arbeiteraktivismus verbunden ist –, wollte sie den Begriff der Arbeit christianisieren und eine katholische Alternative zum Klassenkampf bieten. Es ist an sich nicht falsch, den heiligen Josef unter diesem Titel zu ehren. Die Kirche hat seine Heiligung der Arbeit und seine Würde als Handwerker stets anerkannt. Das Problem liegt nicht in dem, was hinzugefügt, sondern in dem, was gestrichen wurde.
Der heilige Josef hatte bereits am 19. März sein Hauptfest, als Bräutigam der Jungfrau Maria. Doch der 19. März fällt stets in die Fastenzeit. Daher schränkt der Bußcharakter dieser Zeit die festliche Gestaltung ein. Indem die Kirche den Schutzpatron des heiligen Josef in die Auferstehungszeit legte, erwies sie ihm nicht nur Ehre, sondern auch eine größere festliche Bedeutung. Seine Schutzherrschaft wurde nicht in Bußform, sondern im österlichen Triumph verkündet.
Diese Einordnung war theologisch begründet. Mit der Auferstehung beginnt das Zeitalter der Kirche. Und gerade in dieser Osterzeit wollte die Kirche den heiligen Josef als ihren Beschützer anrufen. So wie er einst das Haupt des mystischen Leibes Christi in seiner Kindheit behütet hatte, wurde er gebeten, den mystischen Leib Christi auf seiner historischen Pilgerreise zu beschützen. Das Patronatsfest brachte Josefs übernatürliches Amt über die Kirche selbst zum Ausdruck.
Als das Fest 1955 abgeschafft wurde, ging mit ihm auch dieser österliche Charakter verloren. Der heilige Josef wurde weiterhin verehrt – jedoch in einem anderen Licht. Der Wandel war subtil, aber bedeutsam: von Josef als Hüter der göttlichen Sendung der Kirche zu Josef als Vorbild im modernen gesellschaftlichen Leben. Von übernatürlichem Patronat zu soziologischer Symbolik. Und die Folgen dieses Wandels reichen noch weiter.
Die Verdrängung der Apostel
Der 1. Mai war im traditionellen römischen Kalender kein unbedeutendes Datum. Jahrhundertelang war er den Aposteln Philippus und Jakobus gewidmet – ein Fest, das in früheren Zeiten sogar schon im Jahr 932 n. Chr. als gebotener Feiertag begangen wurde.
Die Verehrung der Apostel war im römischen Ritus keine nebensächliche Angelegenheit. Ihre Feste hatten einst universelle öffentliche Bedeutung. Wie historisch belegt ist, wurden die Apostelfeste bereits im 10. Jahrhundert zu gesetzlichen Feiertagen erhoben und gehörten jahrhundertelang zu den obligatorischen Feiertagen der Christenheit. Ihr kollektives Gedächtnis war tief in die Struktur des Kirchenjahres verwoben. Auch die Verdrängung der Heiligen Philippus und Jakobus vom 1. Mai zugunsten des Heiligen Josef des Arbeiters bedeutete mehr als nur eine Verschiebung auf dem Kalender. Jahrhundertelang war der 1. Mai diesen Aposteln gewidmet gewesen. Im Zuge der Reform von 1955 wurde ihr Fest auf den 11. Mai verlegt – eine Verschiebung, die es von seinem angestammten Platz im Kalender trennte. Die Apostel wurden zwar weiterhin geehrt, aber nicht mehr an ihrem angestammten Platz.
Die Umstrukturierung endete damit nicht. Im Messbuch von 1962 blieb ihr Fest zwar am 11. Mai. Doch nach der nachkonziliaren Kalenderreform wurde es erneut verlegt – diesmal auf den 3. Mai –, nachdem die Feier der Kreuzauffindung, die traditionell an diesem Tag begangen worden war, abgeschafft worden war. So wurde das Fest der beiden Apostel innerhalb einer Generation zweimal verlegt und als veränderlicher Bestandteil eines umstrukturierten Kalenders behandelt, anstatt als fester Bestandteil des liturgischen Gedächtnisses. Was einst ein stabiles, auf jahrhundertealter Tradition beruhendes apostolisches Gedenken gewesen war, wurde in den aufeinander folgenden Reformen zu einem fluiden Element. Im Endergebnis bestand die Wirkung nicht in der Tilgung der Apostel aus dem Kalender, sondern in der Schwächung ihrer angestammten Bedeutung. Dies ist bezeichnend für ein umfassenderes Muster der Reformen Mitte des 20. Jahrhunderts: Die Stellung die Apostel als Säulen des öffentlichen Frömmigkeitslebens der Kirche wurde geschwächt, ja sie gerieten sogar für moderne Katholiken vergleichsweise in Vergessenheit.
Wie viele Katholiken könnten heute alle zwölf Apostel nennen? Wie viele wissen, welcher Apostel Judas ersetzte? Die abnehmende Bedeutung ihrer Festtage steht in engem Zusammenhang mit dem Verlust des katechetischen Wissens.
Vom Patronat zur Pädagogik
Der Kontrast zwischen dem Fest des Patronats des heiligen Josef und dem Fest des heiligen Josef des Arbeiters verdeutlicht einen subtilen, aber wichtigen Wandel im liturgischen Denken.
Das ältere Fest war organisch aus Frömmigkeit und theologischer Reflexion hervorgegangen, Es war Ausdruck eines in der Kirche gereiften Glauben zum Ausdruck: Josef als Beschützer des mystischen Leibes Christi. Die Platzierung in der Osterzeit verband Josephs Schutzherrschaft mit dem Auferstehungsauftrag der Kirche. Das neuere Fest war explizit didaktisch. Es entstand als Reaktion auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Es zielte darauf ab, zu lehren und zu korrigieren. Obwohl es inhaltlich nicht problematisch ist, spiegelt es einen liturgischen Ansatz wider, der den Kalender zunehmend als Instrument der Pastoral nutzt. Der römische Ritus hatte schon immer lehrhafte Elemente – aber vor allem durch überlieferte Geheimnisse, nicht durch strategische Einbindung.
Wenn Feste organisch entstehen, wachsen sie tendenziell langsam und vertiefen sich mit der Zeit. Werden sie aus unmittelbaren seelsorgerischen Gründen eingeführt, haben sie oft einen eher instrumentellen Charakter. Die Abschaffung des Patronatsfestes zugunsten eines Festes, das sich um moderne Arbeitsfragen dreht, signalisiert einen Wandel von einer kontemplativen Ekklesiologie hin zu einer Sozialpädagogik.
Warum dies in der Osterzeit von Bedeutung ist: Die Osterzeit ist die Zeit des kirchlichen Triumphs und der missionarischen Expansion. Die Auferstehung ist nicht nur Christi Sieg; sie ist der Auftrag der Kirche. Die Einordnung des Festes des hl. Josef in diese Zeit bedeutete, zu verkünden, daß die Kirche des auferstandenen Christus nicht schutzlos ist.
Der hl. Josef, der einst das Kind vor Herodes beschützte, steht als stiller Wächter des Zeitalters der Auferstehung. Die Entfernung dieses Festes aus der Osterzeit verändert den Charakter dieser Zeit. Sie verengt den Fokus der Auferstehung auf die unmittelbare Freude, ohne die ergänzende Erinnerung an Schutz und Beharrlichkeit.
Die Veränderung mag isoliert betrachtet geringfügig erscheinen. Doch die liturgische Zeit prägt den katholischen Instinkt. Verschwinden bestimmte Schwerpunkte, verschiebt sich die Erinnerung. Über Jahrzehnte verändert sich damit subtil die Frömmigkeitsvorstellung der Kirche.
Die Frage, die diese Episode aufwirft, ist nicht, ob die Kirche die Autorität besitzt, den Kalender zu regeln, - die kommt ihr zweifellos zu. Die tiefere Frage ist, ob liturgische Stabilität und Kontinuität an sich theologische Bedeutung haben.
Der römische Kalender vor 1955 war keine willkürliche Ansammlung von Gedenktagen. Er war ein sorgfältig geschichtetes Gefüge aus Erinnerung, Theologie und Frömmigkeit. Wenn solche Schichten entfernt oder verschoben werden, ändert sich mehr als nur das Datum.
Während wir die Osterzeit begehen und uns daran erinnern, was einst am zweiten Mittwoch nach der Oktav galt, werden wir daran erinnert, daß die Kirche einst in ihrem öffentlichen Gottesdienst verkündete, daß der auferstandene Christus regiert und der heilige Josef seine Kirche beschützt.
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Hier noch einmal der Link zum englischen Original auf OnePeterFive.