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Lagebericht zur Auseinandersetzung über die Zukunft der überlieferten Liturgie

02. Mai 2026

6 - Kirchenkrise

Das Gemälde von Francois Dub zeigt in grausamen Einzelszenen das Gemetzel, das König Heinrich IV von Frankreich 1572 am Bartolomäustag 1572 an den Protestanten Frankreichs durchführen ließ.

Vor nicht einmal 500: Massenmord zur Sicherung der Einheit von Staat und Kirche

Der Vorschlag von Abt Kemlin von Soles­mes zur „Zusammenführung“ der über­lieferten und der reformierten Form des römischen Ritus in einem einheitlichen Missale ist zu Recht fast überall auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen. Nun ist Kemlins Amtsbru­der Jeremias Schröder mit einigen Gedanken hervorgetreten, die mehr Beachtung verdienen – und hoffentlich auch erhalten. Was den Über­legungen von Abt Jeremias Schröder besonderes Gewicht gibt: Er ist seit Herbst 2024 Abtpräses des weltweiten Zusamenschlusses benediktinischer Konföderationen – ein Amt, dessen Einflußmöglichkeiten weit über seine recht eng umschriebenen formalen Kompetenzen hinausgehen. Abtpräses Jeremias hat dieser Tage Ludwig Ring Eifel früher KNA, derzeit Leiter des Centrum Informationis Catholicum (in Rom) ein Interview gegeben, dessen die Ritusfrage betreffenden Abschnitte wir hier wiedergeben:

Auf die Frage, ob es in den benediktinischen Klöstern einen Trend zur überlieferten Liturgie und einen Konflikt zwischen Traditionalisten und Modernen gebe, antwortete der Abtpräses:

Es begint ein Zitat

Einen Konflikt sehe ich da nicht. Bei uns Benediktinern stehen traditionelle Liturgie und heutige Liturgie sehr versöhnt nebeneinander. Wir haben im gesamten Orden etwa zehn Abteien, die im alten Ritus feiern, die meisten davon in Frankreich. Die gehören überwiegend zur Kongregation von Soles­mes, wo aber die Mehrheit der Klöster im neuen Messbuch zuhause ist. Ausgehend von der Abtei von Fontgombault ist dann aber eine Gruppe von Klöstern entstanden, die nach dem alten Ritus feiern. Die sind in ihrer Kon­gre­gation voll integriert. Daneben gibt es noch das Kloster Le Barroux mit seinen Tochtergründungen, das war anfangs lefebvrianisch orientiert. Nach den unerlaubten Bischofsweihen 1988 ist das Kloster in die volle Gemein­schaft mit Rom zurückgekehrt und untersteht direkt mir als Abtprimas. Und dann gibt es noch die Gemeinschaft in Norcia. Wir begegnen einander alle mit Respekt, und als Abtprimas bin ich auch für diese Gemeinschaften Abtprimas, obwohl ich selber nur mit dem neuen Messbuch die Messe feiern kann. Das habe ich dann auch so getan, als ich in Fontgombault zur Feier des Konvent­amtes eingeladen war, und das wurde selbstverständlich akzeptiert.

Und zur Nachfrage: „Können die Benediktiner damit vorbildlich sein für die ganze Kirche?“ antwortete er:

Es begint ein Zitat

In gewisser Weise schon, weil wir dieses friedliche Nebeneinander schon prak­tizieren. Ich bin sehr gespannt, wie Papst Leo das Problem angehen wird. Nachdem Papst Benedikt hier Türen geöffnet hat, wird man die alte Form nicht mehr ganz hinausdrängen können. Wir haben Mitbrüder und auch Schwestern, die auf dieser Form des Betens und Messfeierns ihr Ordensleben aufgebaut haben. Das hat inzwischen auch ein Heimatrecht in der Kirche, und sollte wenigstens in einigen Bereichen zugelassen werden.

Das ist noch keine Rezept für eine Lösung – aber der Entwurf einer Denkweise, die die Lösung des die Kirche ins Schisma treiben zu drohenden Konfliktes befördern könnte. Anscheinend ist diese Denkweise aber den Katholiken, die ihre Überzeugungen auf eine dogmatisch-enge Interpretation des Pastoralkonzils der Mitte des vergangen Jahr­hun­derts gründen, weitgehend unzugänglich ist. Der von uns ansonsten durchaus geschätzt Gründer und Chefredakteur des katholischen Webmagazins „The Pillar“, Ed Condon, überraschte uns dieser Tage mit der Behauptung, die Weigerung von Papst Leo, Vertreter der Piusbruderschaft in Audienz zu empfangen, sei Ausdruck seiner pastoralen Fürsorge und Barmherzigkeit gegenüber dieser Gruppe.

In seinem Wochenbericht schreibt Condon:

Es begint ein Zitat

Die Führung und die Anhänger der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) haben sich wiederholt darüber beschwert, daß Papst Leo ihrem Oberen, Pater David Pagliarani, eine Audienz verweigert. Darin wird argumentiert, daß der Papst, wenn Leo der Bruderschaft nicht einmal zuhört, keine Versöhnung erwarten und die unerlaubten Bischofsweihen im Juli verhindern kann. abs In einer Analyse dieser Woche habe ich diese Argumentation untersucht und bin zu dem Schluss gekommen, daß Leos Weigerung, Pagliarani zu treffen, wahr­scheinlich ein Akt höchster pastoraler Nächstenliebe für den Oberen der FSSPX ist – und dass der Papst sein Bestes tut, der Bruderschaft so viel Zeit wie möglich zu geben, ihre Position und die von ihr ausgehende Bedrohung für die Kirche zu überdenken.

Kurz gesagt, Pagliarani hat unmissverständlich klargestellt, daß er und die Bruderschaft mit dem Vatikan „keine Übereinstimmung in der Lehre finden“ können. Dies ist eine passiv-aggressive Art zu sagen, daß sie von der autori­tativen Lehre der Kirche abweichen und beabsichtigen, Bischöfe mit oder ohne die Erlaubnis des Papstes zu weihen. Meiner Einschätzung nach besteht für diesen Mann schlicht keine Chance, sich mit dem Papst an einen Tisch zu setzen, ohne ein Schisma auszulösen. Leo weiß das, und der Papst versucht, ihn vor sich selbst zu retten.“

So kann man es natürlich auch sehen – zumindest von Jupiter oder Pluto aus. Die ganze Analyse Condons, von der er hier spricht, kann man auf The Pillar hier nachlesen. Aber vorher Sicherheitsgurt anlegen.

Wer die Position der Piusbruderschaft lieber aus erster Hand als von einem durchrei­sen­den Plutonianer erfahren möchte, greift vielleicht besser zu einem der auf YouTube ange­botenen Videos von SSPX News, in denen die Bruderschaft seit ein oder zwei Monaten ihre Haltung auf intensive Weise zu verdeutlichen sucht. Ganz neu herausgekommen ist gestern ein eineinhalbstündiges Interview mit dem aus der anglikanischen Tradition gekommenen Fr. Jonathan Loop, der sich vor allem mit den rechtlichen Fragen um un­er­laubte Bischofsweihen sowie deren mögliche Rechtfertigung durch einen Notstand befasst. Sehr informativ, und über weite Strecken hin auch sehr überzeugend. Mögliche Schwachpunkte dieser Argumente ausfindig zu machen und zu beleuchten, würde unsere Kompetenz bei weitem überfordern – aber genau das wäre Aufgabe einer ohne Vor­be­dingungen zu führenden Gesprächsrunde oder besser -serie – wenn nicht mit dem Papst selbst, so doch mit von ihm zu benennenden kompetenten und bevollmächtigten Un­ter­händlern. Doch dem steht wohl das neue Verständnis von päpstlicher Barmherzigkeit im Wege – wäre Fr. Loop anglikanisch-schismatisch geblieben, hätte er auf dem Ticket von Erzbischöfin Mullay sicher leichter Zugang zum Papst gefunden.

Besteht überhaupt noch Hoffnung, daß sich in Rom eine Haltung durchsetzt, die weniger auf Machtkalkül sondern auf die sonst doch so umfassende Bereitschaft zum Dialog abzielt? Die in Rom gut vernetzte Leo-Biographin Elise Ann Allen erklärte dieser Tage bei der Vorstellung ihres Buches in einem freilich durchaus zwielichtigen neokatho­lischen College, daß der Papst sich sehr viel Zeit für die Vorbereitung seiner Entschei­dung nehme, sehr vielen Stimmen zuhöre und sich dabei von dem einen allem anderen übergeordneten Ziel leiten lasse: Der Erhaltung der Einheit. Das klingt gut und fromm – bleibt aber eine Leerformel, solange nicht gesagt wird, welcher Begriff von „Einheit“ hier gelten soll: Die uniformierte Einheit des Kasernenhofes oder die Vielfalt der Formen und Spiritualitäten in der Einheit der apostolischen Lehre. Immerhin: Versuche, "Einheit" und Friedhofsruhe mit den Mitteln der Bartolomäusnacht zu produzieren, gelten derzeit und hierzulande als unfein.

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