Offene Frage nach einem Jahr Leo XIV:
Wer regiert eigentlich in Rom?
09. Mai 2026
Papst Leo bei der Pressekonferenz auf dem Rückflug aus Afrika
Eine der meistdiskutierten Fragen aus den ersten Tagen und Wochen nach Wahl und Amtsübernahme des neuen Mannes war: Wir das ein Franziskus II oder eher ein Papst nach dem Vorbild des großen Leo vom Ende des 19. Jahrhunderts?
Ein Jahr nach dem doch sehr überraschenden Wahlergebnis hat diese Frage eine für den neuen Vatikan überaus typische Antwort gefunden: Beides Ja und beides Nein. Anders als Franziskus ist Leo kein Grobian und kein Mann spontaner Beschlüsse, despotische Anwandlungen sind ihm fremd. In seinem kultivierten und formenbewußten Auftreten erinnert er in vielem eher an den Vorgänger Leo XIII oder auch an Benedikt XVI – keine Spur von Franziskus. Im Inhalt seiner bisherigen Amtsführung ist dagegen von Leo XIII oder Benedikt XVI wenig zu erkennen: Die „lebendige Tradition“, der Kirche scheint für ihn erst 1965 so recht zu beginnen, und in seinem Kurs auf „Synodalität“ läßt er sich an Treue zu seinem „geliebten Vorgänger Franziskus“ von niemandem übertreffen. Daß die unaufhörliche Beschwörung dieses Vorgängers das von ihm doch so hoch gehaltene Ziel der Einheit beschädigen könnte, kommt ihm nicht in den Sinn.
Typisch für seinen Stil erscheint uns Leos Vorgehen in der Sache Andrea Petrini, die von Franziskus unter – so sehen wir es zumindest – eklatantem Mißbrauch seiner päpstlichen Allmacht zur „Regierungschefin des Vatikanstaats“ ernannt worden war, obwohl diese Position nach dem Grundgesetz dieses Staates mit einem Kardinal zu besetzen war. Leo ist sich offenbar durchaus darüber im Klaren, daß der oberste Gesetzgeber, wenn er gegen geschriebenes Gesetz handelt, nicht nur dieses Gesetz bricht, sondern sich als „Gesetzgeber“ selbst in Frage stellt. Deshalb bestand eine seiner frühen Amtshandlungen darin, diesen Gesetzesbruch zu heilen: Nicht, indem er die rechtswidrige Ernennung zurückgenommen hätte, sondern indem er das Gesetz so änderte, daß für diese Position künftig weder das Kardinalat noch eine Ordination erforderlich sind. Die Frage, ob Leo damit Franziskus der II. ist, ist von daher – auch andere Beispiele ließen sich anführen - mit einem klaren „sowohl Ja als auch Nein“ zu beantworten – oder besser gesagt, in den Raum der unbeantwortbaren Welträtsel zu verschieben.
Dafür hat sich in den vergangenen Monaten eine andere Frage in den Vordergrund geschoben: Wer regiert eigentlich während dieses Pontifikats in Rom? Alle Spitzenpositionen in der Kurie sind nach wie vor mit den von Franziskus eingesetzten Leuten bsetzt, von denen einige auch unter der neuen Geschäftsführung ohne jeden Abstrich an ihrem zu Franziskus Zeiten verfolgten Kurs festhalten – Beispiel der kurz vor der Altersgrenze stehende Liturgiepräfekt Roche – während andere – Beispiel der wesentlich jüngere Glaubenspräfekt Fernandez – sich um konzilianteres Auftreten bemühen, ohne dabei von dem unter Franziskus eingeschlagenen Kurs in der Sache abzuweichen. Auch die Redenschreiber, ohne die es nun einmal nicht geht, sind noch die von Franziskus. Ist also der nach wie vor durch die kurialen Gemächer ziehende Geist des verstorbenen Despoten der eigentliche Machthaber?
Dahingehende Spekulationen werden auch für Beobachter, die nicht an die Geisterseherei glauben, dadurch verstärkt, daß der neue Papst buchstäblich seit seiner ersten Amtswoche mit einem enorm umfangreichen Audienzprogramm eingedeckt wird, das schon für sich die ganze Arbeitskraft eines Mannes erfordern könnte. Dazu kommen zwei anspruchsvolle Auslandsreisen in die Türkei und den Libanon sowie nach Algerien und einige afrikanische Staaten, zusätzlich mehrere inneritalienische Exkursionen, darunter zum globalistischen Immigrationsheiligtum Lampedusa. Wer wählt eigentlich die Reiseziele aus, und wer führt den Audienzkalender, auf dem zwar gerne Platz ist für den mit seinen Flugzeugträgern drohenden US-Außenminister oder den lgbtqia++-Apologeten Fr. Martin S.J. ist, aber nicht für die Piusbruderschaft oder andere unter der nachkonziliaren Dürre leidende Mitglieder der Herde?
In der Vergangenheit haben die Vatikanisten, wenn sie verborgenen Machtstrukturen innerhalb ihres Arbeitsgebietes nachspürten, geradezu reflexhaft den Blick auf das Staatssekretariat gerichtet. Davon ist derzeit nur noch selten die Rede. Stattdessen schiebt sich von vielen noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen, eine andere Einü" richtung als Machtzentrum in den Vordergrund: Das Synodensekretariat. Dieses Sekretariat unter der Leitung der Kardinäle Grech und Hollerich war 2019 von Franziskus zur Vorbereitung der „Synode über Synodalität“ eingerichtet worden und erwarb sich einen höchst zweifelhaften Ruf durch die Einführung des manipulationsanfälligen Formats der „Runden Tische“ im Oktober 2023, das die früher üblichen Plenumsversammlungen ablöste. Dieses Sekratariat wird zwar gerne als Weiterführung des bereits von Paul VI. errichteten Sekretariats der Bischofssynode ausgegeben – ist es aber nicht: Die Bischofssynode und ihr Sekretariat waren Ausdruck der vom II. Vatikanum neu bewerteten Kollegialität des Weltepiskopats, der Nachfolger der Apostel. Die von Franziskus eingeführte Synoden sind Kirchenparlamente, in denen Kleriker (nicht nur Bischöfe) und Laien „demokratisch“ darüber beraten und gelegentlich auch abstimmen, was der Kirche nutzen und frommen soll. Die mit den „Runden Tischen“ etablierten verborgenen Leitungsstrukturen sorgen dann schon dafür, daß alles nach der Parole des Altstalinisten Walter Ulbricht abläuft: „Es muss demokratisch/synodalisch aussehen, doch wir müssen alles in der Hand haben.“
Eine der ersten Amtshandlungen von Franziskus im Juni/Juli vergangenen Jahres betand darin, dieses Sekretariat samt seinen noch im vorangehenden Pontifikat ausgearbeiteten Plänen in Amt und Aufgabe zu bestätigen; es wird nach wie vor von der unter Franziskus eingesetzten Führung von
Tatsächlich scheint die Tätigkeit dieses Gremiums weit über die Aufgabe der Vorbereitung der nächsten Synodensitzung hinaus zu gehen. Sehr wahrscheinlich war es auf den Eingriff dieses Sekretariats bzw. seiner Führungsspitze zurückzuführen, daß das in diesem Januar veranstaltete Kardinalskonsistorium nicht wie vor Franziskus als Plenarversammlung stattfand, sondern in dem vonü" Franziskus für die Synoden eingeführten Format der „Runden Tische“. Quelle Im April wurde dann bekannt, daß das Synodensekretariat zu „Unterstützung“ des bisher zuständigen „Familienrates“ bei der Vorbereitung der für den Herbst angekündigten Bischofskonferenz zur Umsetzung von Amoris Laetitia berufen wurde. Schon zuvor hatte der Papst angekündigt, daß es bei dieser Zusammenkunft der Vorsitzenden nationaler Bischofskonferenzen um einen „synodalen Prozess der Einschätzung und Entscheidung“ des Themas gehen solle – mit "Runden Tischen" und allem, was damit zusammenhängt, ist zu rechnen.
Ungeachtet dessen, daß diese „synodale Bewertung“ erst für den Oktober angesetzt ist, preschte die im Umfeld der Synodalinstitutionen angesiedelte und „irgendwie“ unter der Verantwortung des Synodensekretariats stehende „Studiengruppe 9“ vor einigen Tagen mit einer eigenen Einschätzung vor. Der von Kardinal Grech vorgetragene Kernpunkt: Die Untersuchungen deuteten darauf hin, daß homosexuelle (also praktisch ausgelebte) Beziehungen nicht unbedingt als sündhaft zu bewerten seien. Und das etwa gleichzeitig mit einem Schreiben von Kardinal Fernandez an die deutschen Bischöfe, das von vielen Beobachtern (vielleicht etwas überoptimistisch) als Absage an deren Absicht zur feierlichen Segnung derartiger Beziehungen gewertet worden war.
So unklar wie der Ausgang dieser Frage ist derzeit vieles, was derzeit in Rom über den zukünftigen Kurs der Kirche verhandelt und entschieden wird. Daß es in Zukunft anders aussehen soll als in der Vergangenheit, scheint unbestritten - aber die Details und vor allem der modus operandi sind hart umkämpft. sind umstritten. „Synodalität“ – was auch immer man genau darunter verstehen soll, ist jedenfalls ein Schlüsselkonzept zur Weiterführung und Vollendung des mit dem II. Vatikanum zur offiziellen Linie gemachten Kurses von Modernisierung und Säkularisierung der römischen Kirche. Wo Papst Leo im Rahmen dieses Konzeptes steht, ob er mehr Getriebener ist, oder „über Bande“ aus dem Hintergrund mit antreibt, ist auch nach dem ersten Jahr seines Pontifikats schwer zu erkennen.
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