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Christi Himmelfahrt in den Festtagsvignetten von Max Schmalzl

14. Mai 2026

3 - Tradition

Die Vignette von Max Schmalzl im Pustet-Missale von 1900 - Beschreibung im Text.

Die Rückkehr zum Vater

Zum Fest Christi Himmelfahrt zeigt das Pustet-Missale von 1910 im Zentralbild der Illustration eine zunächst durchaus konventionell anmutende Darstellung. Bei nähe­ren Hinsehen kommen einige Besonderheiten in den Blick. Am auffälligsten vielleicht ist die star­ke Konzentration auf die irdische Perspektive: Der Himmel ist nur durch die in der mittelal­ter­lichen Kunst gebräuchlichen Sphären-Bänder einer unvollständigen Mandorla angedeutet, die sonst so beliebten Engel und Wolken fehlen ganz. Von der Jüngerschar sind elf Personen vertreten – offenbar nur die Apostel, ein Nach­folger für Judas war noch nicht gewählt. Ganz selbstverständlich ist die Anwesen­heit Mariens, die ihrem entschwindenden Sohn in anbetender Haltung mit den Blicken folgt.

Nicht exzeptionell, aber in der westlichen Kunst eher ungewöhnlich ist die Darstellung des Steins mit den Fußabdrücken des Auffahrenden. Über den Stein tief gebeugt eine Frauengestalt mit unter dem Schleier hervorwallenden langem Haar: Sie steht für Maria Magdalena, die einst die Füße des Herrn mit den Tränen über ihre Sünden wusch und mit ihren langen Haaren trocknete. An der Vorderseite trägt der Stein die Künstler­sig­natur FMS. Diese Gestalt der Maria Magdalena und das Monogramm waren in einer früheren wohl ebenfalls von Schmalz gezeichneten Version des Auferstehungs-Bildes (Pustet 1884) noch nicht enthalten

Die Gegenstände der typologischen Vignetten ergeben sich bei diesem Thema von selbst: Links der gottesfürchtige Henoch, der von einem Engel in den hier als vollständige Man­dor­la symbolisierten Himmel begleitet wird: „Er ward nicht mehr gesehen, denn Gott nahm ihn weg“ (Gen 5, 24). Rechts die Wegführung des Elias von seinem Schüler und Nachfolger Elisäus: Da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte sie von­einander „(und Elias fuhr im Sturmwind auf zum Himmel)“ (4. Könige 2, 11). In den Eck­vignetten kommen dann noch die im Mittelteil fehlenden Engel ins Bild; drei davon ma­chen Musik, und der vierte hält ein Spruchband mit der Erläuterung: „Gott stieg empor unter Jubel, der Herr beim Schall der Hörner“. Das ist wörtlich zitiert aus Psalm 46 (Vul­gata, Vers 6) und gibt dem ganzen seienen typologischen Rahmen.

Im übrigen ist Psalm 46, 6 ein schönes Beispiel für die typologische Lektüre des alten Testaments. Historisch geht der Psalm zurück auf eine möglicherweise liturgisch über­formte Erinnerung an den Aufstieg der Bundeslande in den Tempel auf dem Zionsberg und von daher übertragen auf die Proklamation von Jahwes Weltherrschaft. In dieser Lesart wird er noch heute als Festpsalm zum jüdischen Neujahrsfest gesungen. Von diesem Verständnis her war es nur ein kleiner Schritt, diesen Aufstieg des Weltenkönigs zu seinem Wohnsitz als Vorgestalt, ja sogar als Prophezeiung der Himmelfahrt des Herrn Jesus Christus zu begreifen – und so haben es wohl auch die Kirchenlehrer seit der frü­hesten Zeit getan.

In der Fassung von 1884 haben die typologischen Seitenbilder die gleichen Gegen­stände: Henoch und Elias. Aber in den Eckvignetten gibt es keine musizierenden Engel, sondern vier Propheten. Rechts oben David mit Verweis auf den gleichen Psalm-Vers 46,6 wie in der 90er-Fassung. Dann dem Uhrzeiger folgend Jeremias mit knappem Verweis auf Jer. 4,13: „Seht, wie Wettergewölk zieht er herauf, seine Wagen gleichen dem Sturm, seine Rosse sind schneller als Adler.“ Als nächstes Jes. 2,2: „Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker.“ und schließlich links oben ebenfalls nur als Verweis Michas 2, 13: „Ein Vorkämpfer bricht ihnen die Bahn, sie brechen durch das Tor in die Stadt ein; dann ziehen sie weiter. Ihr König geht vor ihnen her, der Herr schreitet an ihrer Spitze.“

Vielleicht reagierte Schmalzl (oder sein „theologischer Mentor“, falls es denn einen sol­chen gab) mit der Streichung dieser Typoi auf die seit Mitte des 19. Jh. zunehmende Kritik der weitgehend von Protestanten getragenen „historisch-kritischen AT-For­schung“, die der Typologie willkürliche Parallelisierungen aufgrund äußerlicher Ähn­lich­keiten vorwarf. Diese Kritik ist in vielen Fällen nachvollziehbar, wenn auch nicht immer wirklich berechtigt. Gerade seitdem in der Postmoderne das „laterale Denken“ neue Wertschätzung gewonnen hat, kann man den Verzicht auf die drei letztgenanten Schrift­verweise durchaus auch als Verlust betrachten. Das gilt ganz besonders für die Stelle bei Michas, die traditionell als Vorausschau auf die Rettung ganz Israels am Ende der Zeiten gelesen wird.

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