Endlich erkannt: Liturgie ist immer politisch!
21. Mai 2026
Der politische Liturgiker als neugeweihter Diakon
Wie war das damals in der Studentenbewegung von 1968 und beim SDS: „Das Private ist politisch“ lernten wir von Rudi Dutschke – ach, lange ist’s her. Und nun springt also ein Wiedergänger der damaligen Linksradikalen aus der Kiste und Gregory Solary verkündet: „Liturgie ist immer politisch“. Daß unsereins das noch erleben darf. Die Gedankenführung, in Gänze nachzulesen im Zentralorgan der Schweizer Linkssynodalen kath.ch, geht in etwa so:
„Die körperliche und symbolische Haltung der im Kirchenschiff versammelten Gemeinde ist niemals neutral. Sie bringt eine bestimmte Weise zum Ausdruck, in der Welt zu leben, Autorität zu verstehen sowie Teilnahme und Verantwortung zu gestalten. In diesem Sinne ist die Liturgie immer schon politisch: Sie formt Weisen des Zusammenlebens, inszeniert eine Vorstellung von Gemeinschaft und prägt stillschweigend Körper und Gewissen im Hinblick auf eine bestimmte Ordnung von Beziehungen.“
Und diese Vorstellung von Gemeinschaft und von der Ordnung der Beziehungen der Menschen untereinander hat sich – wie alles andere auch – auf dem Hyper-Super-Ultra-Dogmatissime-Konzil des Zweiten Vatikanums grundlegend geändert. Vorher war es ja nicht zum Aushalten:
„Der tridentinische Ritus (entfaltet) durch seine Struktur, seine Ausrichtung und die strenge Rollenverteilung ein Weltbild, das um eine zentrale, hierarchische und sakralisierte Autorität organisiert ist. Das Volk ist zwar anwesend, jedoch vor allem als Zuschauer. Die Teilnahme ist vorhanden, bleibt aber indirekt, vermittelt, vor allem visuell und andächtig.“
Eine „zentrale, hierarchische und sakralisierte Autorität“ – das geht gar nicht. Wir brauchen keine Vermittlung und keinen Mittler – wir machen das alles selbst:
„Das grundlegende Prinzip der Liturgiereform beruht auf dem Priestertum aller Getauften, das sich in der aktiven Teilnahme aller an der Liturgie und am Leben der Kirche ausdrückt. Es geht darum, von einer passiven Haltung zu einer Haltung überzugehen, die dieses Taufpriestertum und den Glaubenssinn der Gläubigen zur Geltung bringt – sowohl in der Feier als auch darüber hinaus. Das wird heute in der Synodalität umgesetzt. In diesem Sinne kann man sagen, daß die gegenwärtige synodale Reform zeigt, daß die Kirche für persönliche Freiheit und Verantwortung eintritt – Grundlagen, auf denen auch die Demokratie beruht.“
Katholischer Gottesdienst als Propädeutikum der Staatsbürgerkunde? Nicht ganz, räumt der 1965 geborene Erwachsenenbildner für die Bistumsregion Waadt ein:
„Man darf echte Teilnahme nicht mit Aktivismus verwechseln. Wir nehmen an der Liturgie in erster Linie teil, um unser Taufsein zu leben. Die Liturgie ist zunächst ein theologisches Geschehen, bevor sie ein politisches ist. Diese Unterscheidung muss klar sein. Zugleich darf man nicht naiv übersehen, daß unterschiedliche liturgische Akzentsetzungen – sei es auf die ausschließliche Rolle des geweihten Amtsträgers oder auf die umfassende Beteiligung aller Gläubigen, Männer und Frauen – Auswirkungen auf Haltungen und Verhaltensweisen haben. Damit ist auch unser Verhältnis zur Gesellschaft und zu ihrer Ordnung berührt.“
Wir „leben in der Liturgie unser Taufsein“ – darauf muß man erst einmal kommen. War da nicht vielleicht noch etwas anderes?, Doch, da ist noch mehr, räumt Solari ein, denn wie gesagt – Liturgie ist politisch, und die Liturgie der Zeit von Trient passt nun einmal ganz und gar nicht in die synodalische Kirche der Gegenwart. Unter Bezugnahme auf eine in den USA virulente Kritik der traditionellen Liturgie, die nach der „Konstantinishy;schen Gefangenschaft“ nun auch eine „karolingische Versuchung“ als Stationen der Kirchengeschichte im Verlust ihrer Ursprünge entdeckt hat, konstatiert der Lehrbeauftragte der Universität Fribourg:
„Dabei geht es nicht um eine bloß ästhetische Parallele. Einerseits gibt es eine Kritik an der aufklärerischen Demokratie, andererseits eine politische Vorstellung, die im tridentinischen liturgischen Imaginären angelegt ist. Die pyramidenförmige Rollenverteilung und die geringe Sichtbarkeit der Gemeinde als handelndes Subjekt passen zu dieser Kritik. Die «karolingische Versuchung» bezeichnet hier die mögliche politische Instrumentalisierung des tridentinischen Ritus – ähnlich wie Karl der Große die Liturgie zur Einigung seines Reiches nutzte. (…) Dahinter steht teilweise ein Denken, das die Aufklärung und die Reformation ablehnt. Das Pontifikat von Papst Franziskus kann man als Versuch verstehen, hier Klarheit zu schaffen. Trotz seiner manchmal schroffen Art geht es ihm darum, den Zusammenhang zwischen liturgischer Form und politischer Vision neu zu bedenken.“
Endlich verstehen wir so den Zusammenhang zwischen Franziskus’ „macht Durcheinander“ vom Weltjugendtag 2013 in Brasilien und den Abläufen modernen Liturgik, bei der sich oft mehr Mitwirkende im Altarraum tummeln, als Beter in den Bänken dabei sind. Dasist alles nur wahre Demokratie.
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