Buchvorstellung: Michael Fiedrowicz
„Augustinus — Staat und Gesellschaft“
22. Mai 2026
Der Einband sagt schon (fast) alles
Wer beim Sprechen oder Schreiben über theologische Gegenstände auf Nummer sicher gehen will, zitiert den hl. Augustinus (354 - 430). Dazu muß man den Bischof von Hippo noch nicht einmal selbst gelesene haben: Einige seiner markanten Aussprüche - so ist es zumindest unser Eindruck – wandern seit Jahrhunderten von Gespräch zu Gespräch, von Abhandlung zu Abhandlung, ohne dass die Nachnutzer sich auch nur die geringste Mühe gegeben hätten, einmal nachzusehen, was der welt- und gottesgelehrte Mann denn nun wirklich gesagt und mit dem Gesagten auch gemeint haben dürfte. Vieles ist über den Zeitabstand von anderthalb Jahrtausenden eben nicht mehr selbstverständlich. Hippo Regius, der antik-großstädtische Bischofssitz des Heiligen nahe der Ostgrenze des heutigen Algerien zu Libyen, liegt seit der Eroberung durch die Mohammedaner 698 in Trümmern, das Christentum ist in weitem Umkreis ausgerottet.
Prominentester Zeuge dafür, wie sehr man im Abstand von 1000 Jahren den Kirchenvater mißverstehen kann, ist der entlaufene Augustinermönch Martin Luther, der mit seinem angeblich auf Augustinus begründeten Verständnis von der Prädestination und dem unfreien Willen sowie seiner Gnadenlehre geradewegs auf häretische Abwege geführt wurde. Ein aktuelleres Beispiel für ein solches Mißverständnis auf einem dem „modernen Menschen“ auch näher liegenden Feld kommt in der häufigen Zitation des Augustinus-Wortes zum Ausdruck, ein Staat ohne Gerechtigkeit sei letztlich nichts anderes als eine Räuberbande. Nicht, dass der Satz als solcher falsch wäre. Er ist im Gegenteil so unmittelbar aus der Erfahrung ableitbar, dass schon der entschieden vorchristliche Weltweise Cicero eine Anekdote aus dem Umfeld Alexanders des Großen (4. vorchristl. Jh.) und ein Weisheitsspruch des ungefähr mit Alexander gleichzeitigen taoistischen Philosophen Zhuangzi exakt die gleiche Parabel bringen.
Tatsächlich hat Augustinus diesen Satz auch an mindestens einer Stelle einmal genau so gesagt – aber der Blick auf sein größeres Werk verdeutlicht, dass Augustinus’ Lehre von Staat und Gesellschaft sich eben nicht auf den Allgemeinplatz reduzieren läßt, den er mit Cicero oder Zhuangzi gemein hat. Sie und zahlreiche andere nicht-christliche Denker vertreten in der Staatsphilosophie einen idealistischen Denkansatz in dem Sinne, dass sie aus eigenem Denken und aus eigener Erfahrung ein Bild davon entwerfen, wie es in einer „guten“ Gesellschaft zugehen sollte. Von daher entwickeln sie dann ihre Zielvorstellungen und beurteilen die ihnen vor Augen stehende gesellschaftliche Wirklichkeit, die dann unter Umständen auch sehr weit von denen anderer Gesellschaftsdenker abweichen können. Augustinus geht genau den umgekehrten Weg. Die Zielvorstellung, das „gute“ und richtige Leben ist für ihn das Vorgegebene, das im Willen und in der Offenbarung Gottes begründet ist. Sie liefern den Maßstab, nach dem zu bemessen ist, ob und wieweit eine Gesellschaft „gut“ ist oder „schlecht“. Gut ist sie, wenn und soweit sie es den Menschen ermöglicht und erleichtert, ihr Leben in Übereinstimmung mit Gottes Geboten zu führen. Schlecht ist sie, wenn sie die Menschen daran hindert oder es ihnen sogar unmöglich macht, nach dem Willen Gottes zu leben. Oder anders ausgedrückt: Nicht die aus der Beobachtung „real existierender“ Staatswesen abgeleitete und dann zum Ideal überhöhte menschliche Einsicht, sondern Wille und Gebot des Schöpfers geben den Ausschlag.
Das ist natürlich keine Erfindung oder Neuentdeckung des Mannes aus Hippo. Das ganze Alte Testament ist durchdrungen von exakt dieser in den Geboten Gottes und den Worten seiner Propheten vorgezeichneten Zielsetzung, und das Wissen darum hat auch die frühen Kirchenväter geprägt. Aber sie waren keine Staatsphilosophen und sahen sich auch nicht genötigt, diese Zusammenhänge aufzuklären und stärker zu verdeutlichen. Genau das getan zu haben war die große Leistung von Augustinus, der die griechisch-römische Staatsphilosophie in ihrer idealistischen Beliebigkeit herausforderte und auf die gottgegebene Ordnung verpflichtete. Damit leitete er Dialog- und Diskussionsprozesse ein, die auf Jahrhunderte, auf über ein Jahrtausend hinaus, die Vorstellungen des „christlichen Abendlandes“ vom Staat und seinem Verhältnis zu den Untertanen bzw. Bürgern bestimmten. Wer heute im Bild vom „Staat ohne Gerechtigkeit als Räuberbande“ diese Zusammenhänge nicht mitdenkt und „Gerechtigkeit“ nicht aus dem Gesetz Gottes, sondern aus einem demokratisch verabredeten contrat social ableitet – der macht in seinem Denken genau diesen großen Schritt der Christianisierung der Staatsphilosophie rückgängig und zitiert eben nicht mehr Augustinus, sondern Cicero.
Diese Rückwendung hinter der mißbräuchlichen Berufung auf Augustinus zu verstecken, ist ein überaus passendes Vorgehen in der Periode der umfassenden Säkularisierung des westlichen Denkens – auch in der Theologie. Um zumindest diesem Mißbrauch einen Riegel vorzuschieben, bietet sich vor allem ein Mittel an: Sich vom leichtfertigen Hantieren mit traditionellen Versatzstücken aus Augustinus zu verabschieden und wieder stärker aus dem Gesamtzusammenhang des Werkes heraus zu denken, der anscheinend in der moderneren Theologie und ihrem Begriff von Wissenschaftlichkeit aus dem Blick zu geraten droht.
Angesichts des enormen Umfangs des Gesamtwerkes von Augustinus und des noch um ein Vielfaches größeren Volumens von Sekundär- und Tertiärliteratur skizziert diese Forderung ein einschüchterndes Programm – und genau an dieser Stelle kommt (endlich!) die hier vorzustellende Neuerscheinung von Michael Fiedrowicz, emeritierter Patrologe der Theologischen Fakultät Trier, in den Blick. Unter dem Titel Augustinus – Staat und Gesellschaft unternimmt es der Autor, die wesentlichen Aussagen zum Thema aus den verschiedenen Schriften zusammenzutragen – Augustinus hat keine geschlossene Abhandlung zu diesem Thema hinterlassen – und in einem systematischen Zusammenhang zu interpretieren. Daraus ergibt sich für das Buch eine Einteilung in zwei Hauptteile: Die systematische Darstellung mit – wenn man die Einführung dazu nimmt – einem Umfang von 120 Druckseiten, und die zum Beleg oder zur Illustration gebotenen 248 „Texte“, die ebenfalls systematisch in unterschiedlichen Gruppen geordnet weitere 180 Seiten einnehmen. Dabei folgt diese Systematik soweit wie möglich der des ersten Teils. Die Zitate im Abschnitt „Texte“ selbst sind naturgemäß unterschiedlich lang, einige nur wenige Zeilen, andere etwa eine Druckseite; in der Regel also deutlich mehr als die so beliebten kontextfreien „Money quotes“, die einem oft als „Augustinus light“ angeboten werden. Wer will, kann darin einen erweiterten Fußnotenteil erkennen, der Belegstellen anführt, ohne den Zusammenhang des systematischen ersten Teils immer wieder durch Zitate zu zerreißen. Andere Fußnoten, hauptsächlich in Form von Hinweisen auf Sekundärliteratur samt entnommenen Kernzitaten, bietet der systematische Teil – wie bei Michael Fiedrowicz nicht anders zu erwarten – auch so schon genug: Mehr als 600 Anmerkungen auf die genannten 120 Seiten.
Das Angebot der Belegstellen in einem eigenen Teil hat dazu einen weiteren Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte: Die Übersetzungen stammen alle aus einer Hand (nämlich der des Autors und Interpreten) und sind dementsprechend in ihrer Wortwahl und Terminologie „homogenisiert“, was den Nachvollzug des hier gebotenen Verständnisses wesentlich erleichtert. Und natürlich sind auch diese Texte wieder durch einen Apparat von Fußnoten angereichert, der teils die Verbindungen zwischen den im Original an unterschiedlichen Stellen vorgefundenen Passagen herstellt und teils historische und sachliche Erläuterungen zu von Augustinus erwähnten Gegenständen beisteuert, die dem heutigen Leser nicht mehr gegenwärtig sind. Diese Aufteilung des Stoffes in mehreren verknüpften, aber doch auch einzeln zugänglichen, Ebenen, erlaubt es Lesern unterschiedlicher Vorbildung und differenzierten Erkenntnisinteresses, sich dem Thema auf die ihnen jeweils angebracht erscheinende Weise zu nähern. Beide Teile sind weitgehend auch ohne Beachtung ihrer Fußnotenapparate mit Gewinn zu lesen oder – seien wir ehrlich – durchzuarbeiten. Von daher eignet das Buch sich durchaus auch für Interessenten, die weder für das Gebiet der Staatsphilosophie allgemein noch hinsichtlich der Lehren des Kirchenvaters Augustinus besondere Vorkenntnisse mitbringen – genau diese kann man sich hier aneignen.
Grund und Anlaß dazu bietet die gegenwärtige Situation von Kirche und Gesellschaft mehr als genug. Wie Autor Michael Fiedrowicz in der Einführung betont:
Augustinus erkannte klar die Grenzen politischer Machbarkeit generell, die allenfalls eine schrittweise Verbesserung der Lebensverhältnisse und eine graduelle Minderung der Übel bewirken kann. Er widersprach daher den Vorstellungen antiker Staatstheoretiker, daß der Mensch seine Erfüllung innerhalb der irdischen Polis bzw. durch den Staat finden könne, insofern dieser primär eine erzieherisch-moralische Aufgabe besitzt, die den Bürger zu einem wahrhaft guten und tugendhaften Menschen heranbilden soll. Im Kontext der Neuzeit wäre Augustinus als anti-utopischer Denker zu beschreiben, der jeglichen Fortschrittsoptimismus sowie die Annahme, der Mensch könne das Paradies auf Erden schaffen, entschieden verworfen hätte. Dezidiert trat er allen übersteigerten Erwartungen an den Staat entgegen, die dieser nicht erfüllen kann. Augustins realistischer Ansatz gründete ebenso in seiner konkreten Erfahrung der politischen Zustände und Geschehnisse jener Zeit wie in seiner theologischen Anthropologie, die die bleibenden Folgen der Erbsünde im Leben von Staat und Gesellschaft diagnostizierte und daher Frieden und Gerechtigkeit auf Erden jeweils nur in gebrochener Form für erreichbar hielt. Gerade in ähnlichen Krisenzeiten der Gegenwart hat dieser Aspekt augustinischen Denkens neue Aufmerksamkeit erfahren.
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Michael Fiedrowicz: Augustinus - Staat und Gesellschaft in christlicher Sicht.
Mit Textauswahl aus dem Gesamtwerk; Fohren-Linden 2026, 336 S., Hardcover mit Fadenheftung (23/15,5 cm); 39,90 €; ISBN 978-3-941862-35-7
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