Verbindungslinien der Liturgie der Pfingstquatember zum Alten Testament
28. Mai 2026
Abraham bewirtet den Herrn in drei Personen
Mittwoch, Freitag und Samstag dieser Woche sind die Tage der Pfingstquatember – der einzigen Quatember in der Oktav eines hohen Festes. Dieser Umstand prägt die Liturgie dieser Tage auf besondere Weise. Die Tagesgebete machen wie an den anderen Wochentagen der Oktav ausdrücklich den Heiligen Geist zu ihrem Thema, und die Schriftlesungen – zwei am Mittwoch, eine am Freitag und gleich fünf am Samstag – schlagen zunächst eine Brücke zurück von den Berichten über die Ausgießung des Geistes an die Jünger im Obergemach von Jerusalem zu den alttestamentlichen Prophetien über den Gottesgeist bei Joel. Von dort springen sie anscheinend unvermittelt zu Lesungen aus den Büchern Moses, die die traditionell am Quatembersamstag gespendeten niederen und höheren Weihen der Kleriker begleiten.
Bei näherer Betrachtung wird auch hier eine Verbindung zum Heiligen Geist sichtbar; sie läuft über gleich zwei Stränge: Zum einen ist die Spendung der Sakramentalien und des Sakramentes der Weihe vorrangig eine Aktivität des Geistes: „Sine tuo numine, nihil est in homine“. Zum zweiten enthalten die Prophetien Joels neben den Hinweisen auf die spirituellen Wirkungen des Geistes auch Aussagen zu dessen Rolle als dauernder Erhalter und Befruchter der Schöpfung – und genau da setzen die Lesungen aus Moses ein. Sie handeln von den Gott geweihten Erstlingen aller Schöpfung und verweisen damit zunächst auf die im Tempel dargebrachten Opfergaben aus der neuen Ernte, die im Raum des östlichen Mittelmeeres in diesen Wochen eingebracht wird. Die Quatembertage folgen ursprünglich dem Gang der Jahreszeiten und der Landwirtschaft, der freilich im kühleren Norden einem anderen Rhythmus folgt und damit schwerer erkennbar wird. Weiterhin verweisen diese Lesungen auf die Priesterschaft „nach der Ordnung des Melchisedech“ selbst, die diese Gaben entgegen nimmt und auf dem Altar des Alten und später des Neuen Bundes darbringt. Auch sie sind in persona Christi „Erstlinge der Schöpfung“.
Darin wird eine bedeutsame Linie der Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Bund sichtbar. Die westlichen Christen neigen dazu, die Hochheilige Dreifaltigkeit als eine Art „exklusive Errungenschaft“ der christlichen Offenbarung zu begreifen, die einen tiefen Einschnitt gegenüber dem Gottesglauben des alten Testaments markiert. Das ist nur sehr begrenzt richtig. Der „Geist Gottes“ war auch den Juden des alten Bundes eine vertraute Gestalt, wie nicht nur aus dem Buch Joel und den Weisheitsbüchern zu entnehmen ist. Schon im ersten Satz des Schöpfungsberichtes ist der Geist Gottes mit dabei. Auch im Neuen Testament, dessen Personal fast ausschließlich aus „alttestamentlich geprägten“ Juden besteht, sind weder Maria noch Joseph ungläubig überrascht, wenn ihnen die Menschwerdung des Erlösers als „Werk des heiligen Geistes“ angekündigt wird: Der war ihnen kein Unbekannter. Ebenso wenig überrascht sind die Jünger, als Jesus ihnen vor seiner Himmelfahrt die Sendung des Tröstergeistes verspricht.
Das Alte Testament kennt zwar nicht mehrere Personen des Einen Gottes – wobei zu fragen wäre, inwsieweit das altjüdische Denken überhaupt einen Begriff der Person in unserem Verständnis kannte – hat aber bereits eine in vielen Schriftstellen zum Ausdruck kommende Ahnung von dessen Mehrgestaltigkeit. Dieser noch nicht zum Dogma verfestigte Glaube unterscheidet sich einerseits noch deutlich vom Trinitätsglauben des Einen Gottes in drei Personen, spricht aber ahnungsvoll immer wieder von dem einen ewigen Gott in dem Plural „elohim“, der bei weitem mehr ist als ein pluralis majestatis. Drei Männer sieht Abraham an seinem Tisch unter dem Pistazienbaum, und er spricht sie an als Einen: „Mein Herr, wenn ich Gnade in Deinen Augen gefunden habe, geh doch nicht an Deinem Knecht vorüber!" (Genesis 18)
Die Quatembertage in der Pfingstoktav gehören zu den verhältnismäßig wenigen Anlässen, an denen solche Verbindungslinien zwischen dem Glauben des alten und des neuen Testament einen liturgischen Widerhall finden. Das ist kein Zufall, denn im Zentrum des liturgischen Betens und Handelns der Kirche steht die menschgewordene Person des ewigen Wortes, die im Versöhnungsopfer vor dem Vater die Erlösung der in Sünde gefallenen und dem Tode verfallen Menschengeschlechts bewirkte. Obwohl darauf abzielende Gedanken im vorchristlichen Judentum durchaus aufscheinen – am dramatischsten vielleicht in Jesajas Liedern vom Gottesknecht – war der Mainstream des messianischen Denkens der Juden doch so stark von säkularen Vorstellungen bestimmt, daß sie den Messias, als er sich ihnen als leidender Gottesknecht zeigte, in ihrer Mehrheit weder erkennen noch akzeptieren konnten. Tatsächlich machten sie seine erbitterte Zurückweisung sogar zu einem Kernstück ihrer damit zum Irrglauben gewordenen Religion.
Umso bedauerlicher, daß das in der Vorahnung der Vielgestaltigkeit Gottes zn der Liturgie der Pfigstquatember um Ausdruck kommende Element der Kontinuität mit der faktischen Abschaffung dieser Quatember seinen prominenten Platz verloren hat. Die heute an diesen Tagen gebotenen Lesungen aus dem Buch Jesus Sirach können diesen Verlust in keiner Weise ersetzen.
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