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Thomas von Aquins eucharistischer
Hymnus „Adoro te devote“

04 Juni 2026

3 - Kultur und Tradition

Die englische Buchillustration aus dem späten 19. Jh. zeigt rechts Thomas als schreibenden Mönch, der eine in der linken Bildhälfte überdimensionierte Aussetzungmonstranz betrachtet,

Thomas von Aquin - Dichter der Eucharistie

Die Hymnen der lateinischen Kirche sind oft nicht nur erlesen Werke der Sprach- und Dichtkunst, sondern auch Perlen theologischer Einsicht – und für die Hymnen des Thomas von Aquin zu Fronleichnam, die wir hier im vergangenen Jahr eher kursorisch vorgestellt haben, gilt das in ganz besonderem Maße. Treffender als jeder Katechismus und gerade auch im poetischen Ausdruck präziser, jedenfalls für den Nicht-Theologen, als die manch­mal umständlich erscheinenden Ausführungen Thomas’ zur Eucharistie in seiner Summa Theologiae III, 73 – 80) machen sie das erkennbar, was der Autor vermitteln will. Wobei „erkennbar“ nicht gleichbedeutend ist mit „ver­ständ­lich“, wie Thomas gleich in der ersten Strophe seines hier näher vorzustellen Hymnus „Adoro te devote“ verdeutlich.

Die liturgisch gebräuchlichen Übersetzungen im Schott der 20er – 50er Jahre (Abschnitt Kommuniongebete) und im Gotteslob ab den 60ern (meine Ausgabe Nr. 546) sind kaum im Stande, diesen Reichtum zu vermitteln – in erster Linie, weil die Übersetzer sich zur Erleichterung der Singbarkeit den Anforderungen deutscher Reime und Versmaße unter­warfen, teils aber auch, weil ihnen bestimmte Gedanken des Autors (und des Kate­chis­mus) allzusehr an den Bedürfnissen der Gegenwart vorbeizugehen schienen. Den latei­nischen Text und eine halbwegs passable Übersetzung ins Deutsche (von Friedrich Wol­lenberg) bietet das Hymnarium. Da es uns hier alleine auf den Inhalt ankommt, bieten wir hier eine möglichst wörtliche Wiedergabe, die allein darauf abzielt, das Gemeinte möglichst deutlich hervortreten zu lassen.

(1) Ich bete Dich demütig an, Du verborgene Gottheit, die Du unter diesen Gestal­ten wahrhaft hier anwesend bist. Dir unterwerfen sich mein Herz und Geist ganz und gar, weil sie völlig unfähig sind, dich zu ergründen.

„Unter diesen Gestalten wahrhaft anwesend“ – das bindet den Widerspruch zusammen zwischen äußerem Schein – der eben nicht nur Anschein ist – und wesenhafter Anwesen­heit. Und räumt gleichzeitig ein, daß das Verständnis dieses Widerspruchs das menschli­che Erkenntnisvermögen letztlich überfordert; Herz und Geist (der ist beim lateinische „cor“ immer mitgemeint), Wille, Affekt und Intellekt des Menschen verfügen einfach nicht über die Mittel, das voll zu verstehen, und da bleibt nur die Unterwerfung. Kein Wunder, daß die Übersetzer sich damit besonders schwer tun.

(2) Sehen, Tasten, Schmecken täuschen sich in dir, allein durch das Hören kommt das Glauben. Daher glaube ich alles, was Gottes Sohn gesagt hat – nichts ist wah­rer als das Wort der Wahrheit selbst.

Hier erlaubt sich Thomas einen interessanten Exkurs in das aufkeimende Wissenschafts­verständnis seiner Zeit: Die Sinne, die nur direkte Eindrücke aufnehmen können, sind nicht fähig, das Wesen dessen, worum es hier geht, zu erfassen – aber das Gehör, die Rede, das Wort sind, wenn sie von Herz und Geist recht geleitet werden, fähig, zu glau­ben. Und sie sind dazu nicht nur fähig, sondern geradezu verpflichtet: Nichts ist ver­bindlicher als das personifizierte Wort der Wahrheit. Und dennoch bleibt das „Glauben“ eine besondere Art der Wahrnehming, gleichzeitig anspruchsvoller und unvollkommener als das, was man mit den Augen erkennen und den Händen begreifen kann.

(3) Am Kreuz war nur die Gottheit verborgen, aber hier ist zugleich auch die Menschheit verborgen. Indem ich beides glaube und bekenne, bitte ich um das, worum der bußfertige Schächer bat.

Hier gibt es eine Schwierigkeit: War die Gottheit nicht während des ganzen Erden­wan­delns Christi verbogen, und nur für wenige Auserwählte mehr zu ahnen als zu erkennen – etwa bei der Taufe im Jordan oder der Verklärung auf dem Berge? Thomas spitzt hier auf den Extremfall zu: Während die Menge am Richtplatz höhnt und schreit: „Wenn Du der Sohn Gottes bist, dann steig doch herab vom Kreuz“ (Mat. 27, 40), ereignet sich beim mitgekreuzigten Raubmörder wider allen äußeren Schein des Gnadenwunder der Er­ogar das irdische Gehör eingeschlossen – vermitteln, und was die Gnade hören läßt, ist kaum vorstellbar. Der Gedanke wird in der folgenden Strophe anhand einer anderen Schrift­stelle (und des Namenspatrons des Dichtertheologen!) weitergeführt:

(4) Ich sehe nicht die Wundmale, die Thomas gezeigt wurden, aber dennoch bekenne ich mit ihm „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28). Laß mich immer mehr an Dich glauben, auf Dich hoffen und Dich lieben.

Gleichsam im Vorübegehen schließt Aquinas in dieser Strophe hier auch neben dem Glauben auch noch die Hoffnung und die Liebe in den Gedankengang ein, die Erztu­gen­den, deren Gnadengeschenk den Menshen erst befähigt,, den Weg der Erlösung mit zu gehen. Für Thomas selbstverständlich, für heutige Leser und Beter des Hymnus mög­li­cherweise erklärungsbedürftig ist die Wahl des Wortes für die Liebe, das Lieben. Iim Unterschied zu heute populären und vor allem (mißbräuchlich?) auf Paulus 1. Kor. 13, 13) gestützten Interpretationen ist damit nämlich nicht die caritas, die in einem irdi­schen Horizont begrenzte Nächstenliebe, gemeint, sondern die dilectio, die Gottesliebe, die Gott an die erste Stelle setzt und alles andere darin begründet.

Erst nach diesen, wenn man so will, die „erkenntnistheoretischen“ Aspekte seines Gegen­standes umkreisenden Strophen versucht Thomas erneut, sich dem inneren Wesen der Eucharistie – das ihn nach Auskunft von Strophe (1) total überfordert – zu nähern:

(5) O Wahrzeichen für den Tod des Herrn, lebendiges Brot, das dem Menschen Leben gibt!. Gib, daß mein Sinnen und Trachten in und von Dir lebt und Dich immer süßer schmeckt.

Ein noch dichterer Ausdruck für das in der Eucharistie auf Dauer wirksame Geheimnis der Erlösung ist schwer vorstellbar: Aus dem Tod des Herrn geht das lebendige Bro des Lebens hervor, das nicht nur Leben gibt – das gibt Graubrot auch – sondern selbst der lebendige Gott ist und den Mensch befähigt, das überirdische Leben zu gewinnen.

Auch dieser Gedanke wird in der folgenden Strophe noch einmal aufgegriffen und auf den Aspekt des Blutes, also des Trägers der Lebenskraft, erweitert, ohne den die „Leiblichkeit“ der Eucharistie (und der Opfercharakter des Kreuzestodes!) nur unvoll­ständig gedacht werden können.

(6) O treuer Pelikan, mein Herr Jesus! Reinige mich Unreinen durch dein Blut, von dem ein einziger Tropfen die ganze Welt von all ihren Freveln heilen kann.

Die letzte Strophe bietet als Abschluß nach dem theologischen Hauptteil und Erklär­stück ein persönliches Gebet des Dichters mit einer Bitte, die aufrichtig mitzusprechen von Seiten des Beters im 21. Jahrhundert ein beträchtliches Maß an Gewissens­erfor­schung erfordern dürften:

(7) Jesus, den ich jetzt nur verhüllt erblicke – wann wird das geschehen, das ich so sehr ersehne: Dich mit unverhülltem Antlitz zu schauen und in Deinem Licht selig zu sein.

„Es muß ja nicht gleich morgen sein“, werden viele, die um Ehrlichkeit bemüht sind, auf diese Frage wohl antworten. „Dilectio“ im Sinne von „an die erste Stelle setzen“ war schon immer ein anspruchsvolles Vorhaben – und es ist wohl seit den Zeit des Thomas von Aquin noch schwieriger geworden.

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