Was von der 23. Woche übrigblieb:
Weiß der Präsident der päpstlichen Akademie für Theologie eigentlich, wovon er redet?
09. Juni 2026
Am runden Tisch der Manipulation
Die Anfang letzter Woche bekannt gegebene Ernennung der EWTN-Präsidentin Maria Alvarado zur neuen Chefin der nun als „Dikasterium“ firmierenden Presseabteilung des Vatikans war uns bisher keinen besonderen Kommentar wert: Sie liegt genau auf der Linie, die frühere Kurie, die Gesamtheit der von Kardinälen geleiteten „Kongregationen“ der päpstlichen Leitungs- und Beratungsorgane, zu einem modernen Management umzuformen. Dafür bringt Frau Alvarado zweifellos beste Qualifikationen mit, und wenn wir überhaupt noch einmal auf diese Ernennung eingehen, dann deshalb, weil inzwischen vielfach zu lesen war, die aus Mexiko gebürtige Managerin sei die erste Laiin an der Spitze eines vatikanischen Dikasteriums. Das ist sie nicht – diese Ehre gebührt der an der Spitze des Ordensdikasteriums stehenden Ordensfrau Simona Brambilla, denn die Zugehörigkeit zum Klerus war immer ausschließlich geweihten (oder potentiell weihbaren) Personen, also Männern, vorbehalten. Ordensfrauen gehörten nie zum Klerus, und das ist auch nach dem aktuellen (d.h. zumindest am heutigen Tage) geltenden Kirchenrecht so, nach dem die Zugehörigkeit zum Klerikertand mit der Weihe zum Diakon beginnt.
Worin man übrigens auch eines der Motive erkennen kann, warum eine bestimmte Gruppe von Kirchenpolitiker*Innen so nachdrücklich den Frauendiakonat fordert. „Klerikalisierung“ der Laien ist kein leeres Wort.
Bedeutsamer als die Ernennung der Managerin zur Präfektin erscheint uns eine andere römische Nachricht, die auf den 4. Juni datiert ist: Die Tagesordnung für das am 26. – 29. Juni schon zum zweiten Mal in diesem Jahr stattfindende Kardinalskonsistorium wurde einschneidend geändert. Der ursprünglich vorgesehene Tagesordnungspunkt „Situation der Liturgie“ entfällt – stattdessen sollen die Kardinäle gleich zwei Sessionen lang über die von Papst Leo in seiner KI-Enzyklika ausgesprochene neue und der Tradition widersprechende Lehre diskutieren, wonach ein „gerechter Krieg“ unter den Bedingungen der Gegenwart nicht mehr denkbar sei.
Der Verzicht auf den TOP „Liturgie“ erscheint insoweit nachvollziehbar, als am 1. Juli die Piusbruderschaft ihre Bischofsweihen vollziehen wird und die darauf zu erteilenden römischen Antworten bereits fix- und fertig ausformuliert in der Schublade von Kardinal Fernandez liegen – da kann eine Diskussion wenig mehr als Störgeräusche produzieren. Es ist sicher angenehmer, sie erst nachträglich zu Wort kommen zu lassen – wie das jetzt ja beim neuen Thema „Überholtheit der Lehre vom gerechten Krieg“ der Fall ist.
Im übrigen werden sich die Kardinäle, von denen ein beträchtlicher Teil darum gebeten hatte, ihre Zusammenkunft wieder im traditionellen Stil der Plenumsdiskussion durchzuführen, schon ihr Teil dabei denken, daß auch das Juni-Konsistorium wieder im auf der Synode erprobten Format der Arbeitsgruppen an runden Tischen stattfinden soll: Diskussion ist gut – aber Kontrolle ist besser.
Kein Wunder, daß die Kritik – wenn auch nicht gerade von Seiten offenbar leicht einschüchterbarer Kardinäle – an den unter dem Banner der Synodalität um sich greifenden Praktiken immer stärker wird. Eine der schärfsten dahingehenden kritischen Untersuchungen veröffentlichte dieser Tage der Hochschullehrer (Bioethik) Renzo Puccetti auf Messa in Latino, der von einer „kirchlichen Sowjetsynode“ spricht. Seine Hauptthese:
Der 2021 eingeleitete synodale Prozess, der in der Einrichtung der Ständigen Synode gipfelte und – laut ausdrücklicher Erklärung ihres Vorsitzes – mindestens bis 2028 andauern soll, reproduziert exakt die Logik des Systems der Ständigen Versammlung, das die außerparlamentarische Linke der 1970er Jahre zu einem Regierungssystem erhoben hatte. Endlose Debatten. Zusammenkunft widersprüchlicher Stimmen. Die Präsentation der Vielzahl von Positionen als Bereicherung der Diversität. Niemals eine endgültige Entscheidung treffen, sondern alles durch die fortschreitende Anhäufung von Praktiken, Gebräuchen und Präzedenzfällen in eine bestimmte Richtung lenken.
Wie in der Sowjetunion war der synodale Prozess durch eine vorgetäuschte Basisbeteiligung gekennzeichnet, die von oben sorgfältig orchestriert wurde. Genau das ist die Logik des historischen Sowjets: formal eine Versammlung von Arbeitern, Bauern und Soldaten; im Wesentlichen ein Organ zur Übermittlung des Parteiwillens.
Da kommt wohl noch einiges auf uns zu.
Was wäre sonst noch erwähnenswert? Vielleicht das flammende Plädoyer des emeritierten Erzbischof Aguer für die überlieferte Liturgie, das Rorate Caeli am 2. Juni veröffentlichte und in dem der Erzbischof noch einmal mit größtem Nachdruck hervorhebt, was von den Theologen des Zeitgeistes so gerne an den Rand geschoben oder ganz unterdrückt wird: Die hl. Messe ist kein Ausdruck der Gemeinschaft, sondern Dienst zum Lobe und zur Verherrlichung Gottes – und von daher stiftet sie auch Gemeinschaft unter denen, die daran teilnehmen.
Interessant auch – selbst wenn unter anderem Vorzeichen – der jetzt einsetzende Versuch, die soeben aufgelöste Family of Mary Immaculate and St. Francis in England durch Beschuldigung allzu strenger Askeseübungen und den Vorwurf der Mißachtung der persönlichen Gewissensfreiheit ins Zwielicht des „spirituellen Mißbrauchs“ zu rücken. Und nebenbei das Beispiel zahlloser Heiliger der ganzen Kirchengeschichte bis zum Anbruch der glorreichen Epoche der Menschenrechte von 1792 zu entwerten.
Der eigentliche Heuler der vatikanischen Woche kommt jedoch von Kurienbischof Antonio Stagliano, der die Welt per Instagram wissen ließ, der schönste, bedeutendste und überhaupt superste Song der Welt sei „Imagine“ von John Lennon – also jenes Liedchen mit den Anfangszeilen: Imagine there's no heaven / It's easy if you try / No hell below us / Above us, only sky, das von vielen Christen als die Atheisten-Hymne schlechthin betrachtet wird.
Für die Auseinandersetzung mit derlei Kindergartenpoesie waren uns die Verse des ewigen Blumenkindes Lennon nie bedeutend genug, und wir haben uns daher auch nicht besonders darüber erregt, als diese Melodie am vergangenen 16. September bei einem Kulturevent auf dem Petersplatz gespielt wurde – aber Exzellenz Bischof Antonio Stagliano ist ja nicht irgendein Kulturfuzzi aus dem Disney-Imperium, sondern der Präsident der Päpstlichen Akademie für Theologie.
Diese Position verbietet es ihrem Inhaber zwar nicht, einen schlechten Musikgeschmaclk zu haben – sollte aber mindestens sicherstellen, daß er kein theologischer Analphabet ist. Doch das spielt anscheinend in der neuen Kirche des runden Tischs keine Rolle – zumindest nicht für Papst Franziskus, der den Lennon-Fan 2022 zum Präsidenten der Akademie ernannte, und auch nicht für Papst Leo, der ihn (wie fast alle anderen Günstlinge von Franziskus) schon seit über einem Jahr im Amt beläßt.
Nun kann Bischof Stagliano sich also gemeinsam mit Erzbischof Paglia, dem Neuerfinder des Naturbegriffs, unseres Ehrentitel des „Heulers der Woche“ erfreuen.
Wäre doch gelacht, wenn wir nicht jede Woche einen neuen Bewerber für diese Position benennen könnten. Und wenn nicht in Rom, dann doch im Jurisdiktionsbereich der bekanntlich in Einheit mit Rom stehenden Synodalistischen Kirche in Deutschland.
*