Bischof Schneider zum Versuch, das II. Vatikanum zum Dogma zu erklären
11. Juni 2026
Weihbischof Schneider bei Matt Gaspers.
Wenige Tage nach der Veröffentlichung seiner „Kernfragen zum Verhältnis der Piusbruderschaft zum 2. Vatikanum“ (hier unsere Zusammenfassung) hat Bischof Athanasius Schneider dem amerikanischen Video-Blogger Matt Gaspers ein Interview gegeben, in dem er einige grundsätzliche Aussagen weiter präzisiert und für ein allgemeines Verständnis erläutert.
Wir haben die erste Hälfte des fast 50-minütigen Gesprächs übersetzt und geben den Text hier in sprachlich geglätteter Form wieder. Dabei sind wir uns durchaus bewußt, dass die Form des Interviews – zudem in einer Sprache, die nicht die Muttersprache des Bischofs ist – keine abschließende Klärung bringen kann. Aber für Denkanstöße ist sie hervorragend geeignet. Hier zum Video auf Youtube
Das Interview von Matt Gaspers mit Weihnischof Schneider beginnt mit einer Frage, die sich unmittelbar auf die vor einigen Tagen veröffentlichte Erklärung des Bischofs zu den Kernfragen des Verhältnisses zwischen Bruderschaft und dem hl. Stuhl:
Gaspers: Euer Exzellenz, Sie haben in ihrer Erklärung die Frage aufgeworfen, die m.E. tatsächlich die Kernfrage darstellt, die von den römischen Autoritäten hinsichtlich der FSSPX zu klären ist: Warum wird der Bruderschaft die bedingungslose Anerkennung der Texte des 2. Vatikanums als „conditio sine qua non“ für die volle Gemeinschaft mit Rom abverlangt, während es keine solche Bedingung hinsichtlich der pastoralen, disziplinären oder anderen nicht-dogmatischen Aussagen der vorhergehenden 20 ökumenischen Konzile gibt? In einem Gespräch, das wir vor einem Jahr wenige Tage nach der Wahl von Papst Leo geführt haben, erwähnte ich Ihnen gegenüber seine Aufforderung an die Kardinäle, gemeinsam mit ihm „ihre uneingeschränkte Verpflichtung zu dem Weg zu bekräftigen, den die Kirche nach dem 2. vatikanischen Konzil nun seit Jahrzehnten eingeschlagen habe“. Was ist der Grund, daß er und so viele in der Hierarchie darauf bestehen, diesem Weg zu folgen, der sich doch als so verhängnisvoll für die Kirche erwiesen hat? Und warum machen sie diese uneingeschränkte Anerkennung des 2. Vatikanums zu einer Art Lackmus-Test dafür, ob jemand wirklich katholisch ist oder nicht?
+Schneider: Ich denke, es kann seitens derjenigen, die das verlangen, verschiedene Gründe dafür geben, die Feststellungen und in keiner Weise dogmatischen Aussagen eines Pastoralkonzils als absolutes Erfordernis für das Katholisch-Sein und die Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl hinzustellen. Und ich denke, daß auch diejenigen, die diese Bedingung stellen, dafür unterschiedliche Motive haben. Tatsächlich haben der vorhergehende Papst und alle seine Vorgänger seit Paul VI. von Erzbischof Lefebvre und der Piusbruderschaft die Anerkennung des Konzils und all seiner Aussagen verlangt – vielleicht nur, um eine Art hemeneutischen Rahmen und eine Interpretation herzustellen, nach der sich an der Lehre nichts geändert habe und die Tradition gewahrt sei, ohne dabei der Vernunft Gewalt anzutun oder interpretative Akrobatik abzuverlangen.
Ich denke und ich hoffe, daß diese Päpste seit Paul VI. bis zum gegenwärtigen dabei gute Absichten und guten Willen hatten – also „bona fide“ handelten, wie es auf Latein heißt. Sie waren wohl ehrlich überzeugt, daß die neuen Aussagen und Lehren einem Ruf des Hl. Geistes entsprachen, einer Offenbarung des Geistes an die Kirche unserer Tage, diesen Weg des Ökumenismus, des interreligiösen Dialogs, der Religionsfreiheit und der neuen Liturgie als eine Art „Neues Pfingsten“ wahrzunehmen, wie das Johannes XXIII und auch insbesondere Papst Johannes Paul II verkündete. Nach ihm war das 2. Vatikanum die größte Gnade, die Gott der Kirche im 20. Jahrhundert als Werk des Hl. Geistes schenkte. Papst Johannes Paul II. Hat sich mehrfach in diesem Sinne ausgesprochen und war davon zutiefst überzeugt, ebenso Papst Franziskus mit seinen sogenannten Reformen, die zwar von der (überlieferten) Lehre her gesehen sehr fragwürdig waren, in seiner Sicht aber nur eine konsequente Weiterentwicklung der Lehren des 2. Vatikanums darstellten.
Offensichtlich sieht Papst Leo das ebenso und führt das daher weiter. Ich denke, daß es sich dabei um eine innere Überzeugung dieser Päpste handelt, daß Gott eben dieses von Ihnen und von der ganzen Kirche verlangt und sie nach Gottes Willen auf diesem Weg voranschreiten sollen – obwohl es sich uns doch als offensichtliche Katastrophe darstellt. Die Früchte sind nichts als Verwirrung und Mehrdeutigkeit – und wie könnte Mehrdeutigkeit die Stimme des Hl. Geistes sein. Niemand setzt sein Leben für Mehrdeutigkeiten ein – nur für etwas, was kristallklar und ohne jeden Zweifel wahr ist, und so haben es alle vergangenen Genrationen der letzten 2000 Jahre gehalten.
Wenn wir das Verhalten dieser Päpste so in wohlwollender Weise betrachten, handeln sie einerseits bona fide, unterliegen jedoch spirituell einer Täuschung, selbst wenn sie den guten Willen haben, mit ihrem Handeln dem Willen Gottes zu folgen. Gleichzeitig sehe ich aber auch, daß eine bemerkenswert große Zahl anderer hochrangiger Kleriker, Kardinäle und Bischöfe nicht mehr den katholischen Glauben haben, daß sie tatsächlich eine andere Kirche gründen wollen, die zur Hälfte protestantisch ist und sich zur anderen Hälfte den Moden der Welt anpasst. Sie mögen noch die Titel von Kardinälen oder Bischöfe tragen – es gab über die letzten 60 Jahre wirklich eine bemerkenswert hohe Zahl – sie haben als Nuntien, als Kardinäle oder Diözesanbischöfe großen Einfluß ausgeübt, und sie haben diese gleichen Ziele verfolgt – aber mit der inneren Absicht und dem Willen, den katholischen Glauben tatsächlich zu etwas Neuem hin umzugestalten: Ihn vollständig der Welt anzupassen und eine neue, relativistische und synkretistische Religion zu schaffen.
Diese beiden Haltungen (des ehrlichen Glaubens, den Willen Gottes zu erfüllen und der versteckten Absicht, eine Säkularreligion zu schaffen) sind gleichzeitig in der Kirche gegenwärtig, und es ist schwer möglich, zu unterscheiden, wer in seinem konkreten Tun welche Absichten verfolgt – das kann nur Gott.
Aber wir können feststellen, daß die Ergebnisse, die Früchte (des auf dem Konzil eingeschlagenen Weges) eben eine solche Umgestaltung sind, und in der Kirche heute eine gewaltige Verwirrung, Desorientierung und Verdunklung hinsichtlich der Lehre, der Moral und der Liturgie herrschen.
Gaspers: Ja – und ich denke, die Analogie mit den Früchten ist sehr wichtig. Sie erinnert mich an die Worte unseres Herrn in der Bergpredigt, daß man einen Baum nach seinen Früchten beurteilt und dass ein schlechter Baum keine guten Früchte und umgekehrt ein guter Baum keine schlechten Früchte tragen kann. Und letztlich sind die Früchte, die wir als Ergebnisse des Konzils sehe, das einzige, nach dem wir urteilen können und das meiste davon ist wirklich nicht sehr gut.
Und was diejenigen in der Kirche und in der Hierarchie betrifft, die alles ändern wollen, so denke ich, daß unser Freund Dr. Taylor Marshall das sehr gut in seinem Buch „Infiltration“ (Unterwanderung) dargestellt hat: Die Kirche ist unterwandert worden (Bischof Schneider nickt zustimmend). Wir müssen also sehr dafür beten, daß das dem Papst bewußt wird.
Ich möchte nun zum Thema des Treffens zwischen dem Generaloberen der Piusbruderschaft. P. Pagliarani und Kardinal Fernandez im Februar übergehen. Sie haben sich nach der Ankündigung der Bischofsweihen durch P. Pagliarani getroffen, und S. E, hat dabei nach Auskunft seines Büros „den Weg eines besonderen Theologischen Dialogs zur Besprechung von bislang nicht genügend geklärter Fragen“ vorgeschlagen, bei dem auch über den „Unterschied zwischen einem Akt des Glaubensbekenntnisses und der Unterwerfung von Geist und Willen“ sowie die „verschiedenen Grade der Anerkennung“ gesprochen werden solle, die für die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils und deren Interpretation möglich sei. Die Piusbruderschaft hat allerdings in ihrem Kommuniqué mitgeteilt, „Der Kardinal hat uns mündlich dargelegt, daß man zwar in einen Dialog über das Konzils eintreten könne, daß eine Korrektur seiner Dokumente aber nicht möglich sei.“
Wenn also die Konzilsdokumente mehrdeutige Aussagen enthalten – und ich denke, das ist unbestreitbar der Fall, wie Sie und andere seit Jahren mehrfach immer wieder ausgeführt haben – wie kann er dann sagen, daß eine Korrektur unmöglich sei? Vielleicht können Sie uns ein paar Beispiele aus der Kirchengeschichte dafür gegeben, wie Konzilsdokumente von späteren Päpsten oder einem Konzil korrigiert worden sind?
+Schneider: Wenn Kardinal Fernandez sagt, daß diese Texte nicht korrigiert werden könnten, zeigt das zwar die Absichten des Kardinals und ähnlicher Kirchenmänner, die das Pastoralkonzil und seine nicht bindenden Texte zur Ebene faktischer (wenn auch nicht rechtlicher) Unfehlbarkeit überhöhen wollen, denn unfehlbare Texte können tatsächlich nicht geändert werden, Seit den 60er Jahren stellen führende Männer der Kirche das 2. Vatikanum als faktisch unfehlbar dar, das nicht angetastet werden kann – auch wenn Paul VI. ausdrücklich gesagt hat, es sei nicht unfehlbar und habe nicht „ex cathedra“ gesprochen. Formal räumen sie das zwar auch ein, aber dann verwenden sie die höchst problematische Formel von der „Unterwerfung des Geistes und des Willens“ auch bezüglich nicht dogmatischer Erklärungen von Papst, Lehramt und Bischöfen, also hinsichtlich pastoraler und nicht abschließend bindender Aussagen.
Das ist falsch, und es ist sehr unglücklich, daß dieser Ausdruck von der Kirche in dieser Weise gebraucht wird. Die Wendung geht auf das 1. vatikanische Konzil zurück, wo sie sich jedoch auf ex-cathedra getroffene Aussagen bezieht. Damit bezieht sich diese Formel also auf die Selbstoffenbarung Gottes selbst – ihm gegenüber sind wir zur Unterwerfung von Intellekt und Willen verpflichtet, aber und nicht gegenüber einem Papst oder einem Bischof, wenn sie Aussagen nicht dogmatischer oder definitiver Art treffen. Das ist ein Mißbrauch der Autorität, deren Achtung wir alleine Gott gegenüber aufgerufen sind..
Definitiven Aussagen „ex cathedra“ schulden wir tatsächlich die Unterwerfung von Intellekt und Willen, und ich halte es für eine sehr falsche Entscheidung von Papst Paul VI., daß er 1967 in seiner „Glaubenserklärung“ diesen Ausdruck verwandte, den die Kirche bis dahin nie in diesem Sinne gebraucht hatte. (Hierzu eine Anmerkung des Übersetzers am Ende des Beitrags) Doch die Unterwerfung von Geist und Willen gebührt alleine Gott; und die Ausweitung der Bedeutung hatte wohl das Ziel, alle Katholiken in strengster Form auf alle Aussagen des Lehramtes zu verpflichten. abs Damit wären wir also auch verpflichtet, uns mit Geist und Willen der Erklärung von Papst Franziskus (in Amoris Laetitia) zu unterwerfen, mit der er geschiedenen und wiederverheirateten Personen unter bestimmten Bedingungen den Empfang der hl. Kommunion erlaubte, wie er in seinem Brief an die Bischöfe der Region Buenos Aires ausführte und anschließend in den Acta Apostolicae Sedis veröffentlichte. Womit dieser Brief nach Aussage seines Kardinal-Staatssekretärs zum Bestandteil des authentischen Lehramtes der Kirche wurde, dem wir nach der Formel des Glaubensbekenntnisses zur Unterwerfung von Geist und Willen verpflichtet wären. Das ist unmöglich. Wie können wir unseren Geist abschalten und diese Entscheidung von Papst Franziskus hinsichtlich des Kommunionempfangs von Geschiedenen akzeptieren?
Auch Fiducia Supplicans gehört zu diesem sogenannten „gewöhnlichen Lehramt“ der Kirche. Das können wir so nicht annehmen. Das tut unserem Geist Gewalt an, und das ist ein seit Jahrzehnten andauernder Mißbrauch der Macht des Papstes und Roms, um die Menschen dazu zu zwingen, ihren Geist abzuschalten. Und hier möchte ich an den berühmten Satz von G.K.Chesterton erinnern: Wenn wir Katholiken in die Kirche gehen, nehmen wir zwar unseren Hut (engl. „hat“) ab, nicht jedoch unseren Kopf (engl. fast gleichlautend „head“)
Wir können unseren Kopf nicht einfach abnehmen. Aber dann heißt es, man müsse eben nur die Hemeneutik der Kontinuität anwenden und ein wenig Akrobatik einsetzen – und schon ist alles in bester Ordnung. Das ist intellektuell unehrlich, das ist eine Beleidigung unseres Verstandes – und das hat die Kirche nie von uns verlangt. Nur dann, wenn die Kirche kristallklar als definitive Lehre feststellt, daß etwas von Gott offenbart ist, sind wir zur Zurückstellung der eigenen Vernunft aufgefordert. Solange das nicht der Fall ist, müssen wir einen anderen Ausdruck verwenden und nicht einen so hohen Anspruch stellen, wie er alleine gegenüber Gott erhoben werden kann.
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Anmerkung: Die Ausführungen von Bischof Schneider leiden hier etwas darunter, daß er nicht klar macht, welches von zwei denkbaren „Bekenntnissen des Glaubens“ von Paul VI. er hier meint. Es gibt die sehr kurz gefasste „Professio Fidei“ , die 1967 als Ersatz für den „abgeschafften“ Anti-Modernisten-Eid von Pius X. eingeführt wurde, und das gleichzeitig erarbeitete, aber erst 1968 veröffentlichte „Credo des Gottesvolkes“ , das keine administrative Funktion hatte, sondern als besser verständliche Version des nikäa-konstantinopolischen Glaubensbekenntnis gesehen werden will. In beiden Texten taucht nach den hier verlinkten Fassungen keine „Formel“ von der Unterwerfung von Geist und Willen“ unter das päpstliche Lehramt auf – aber beide sind davon gekennzeichnet, dass sie die Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen des kirchlichen Lehramtes einebnen und für alle den höchsten Anspruch erheben. Tatsache ist ebenfalls, daß die Forderung nach der „Unterwerfung von Geist und Willen“ seitdem zum festen Bestand der kurialen Sprache gehört. Von daher scheinen also die Ausführungen von Bischof Schneider durchaus gerechtfertigt – wobei zu hoffen bleibt, dass er selbst oder andere den mit seinen Gedanken aufgeworfenen schwerwiegenden Fragen im Zuge der laufenden Diskussion über die Verbindlichkeit eines in sich und gegenüber der Tradition widersprüchlichen Lehramtes weiter nachgehen.
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