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Ephraim der Syrer - ein im Westen wenig bekannter Kirchenlehrer aus dem Osten

18. Juni 2026

3 - Tradition

als Mosaik ausgeführtes Brustbild-Medaillon des heiligen in typischer Stilisierung

Ephraim der Syrer

Nach meinem Martyrologium Romanum aus den 20er Jahren des vorigen Jahr­hunderts ist heute der Feiertag des hl. Ephraim des Syrers; Kirchenlehrers und Dich­ters aus dem 4. Jahrhundert (306 – 373). Andere Kalendarien gedenken seiner am 9. Juni oder am 9. Juli, die Kirchen des Ostens feiern ihn am 28. Januar. Im Osten tritt er im Rang zwar hinter dem Dreigestirn seiner Zeitgenossen Basilius der Große, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomus zurück, ist im liturgischen und theologischen Bewußtsein aber seit Alters her sehr präsent – auch beim frommen Volk. Für die Westkirche wurde er von Benedikt XV. 1920 zum Kirchenlehrer erhoben, doch ist sein Bild im Westen ziemlich blaß geblieben. Das hat seine Gründe, auf die weiter unten noch einzugehen ist.

Ephraim stammt aus der seinerzeit recht bedeutenden Stadt Nisibis im Grenzgebiet zwischen dem römischen Kleinasien im Nordwesten und dem sassanidischen Persien im Osten. Der Ort gehört gehört seit 1920 zur Türkei, an deren Grenze zu Syrien er liegt, und heißt gegenwärtig Nusaybin. Heute wie zur Zeit Ephraims bildete diese Region einen Schnittpunkt verschiedener sprachlicher, kultureller und politischer Räume, und seine Herkunft aus dieser Gemengelage prägte Ephraim auf ganz und gar einzigartige Weise. Trotz seiner Geburt unter römischer Herrschaft – später fiel Nisibis an die Perser – war Ephraim kulturell alles andere als ein Lateiner. Er war aber auch kein Grieche, wie die meisten christlichen Gelehrten Kleinasiens, sondern er war, wie sein Beiname „der Syrer“ andeutet ein „Syriaker“, ein angehöriger der Aramäisch sprechenden Christen des nördlichen Zweistromlandes. Hier waren die judenchristlichen Wurzeln (und das alte Testament!) stärker lebendig als in allen anderen Regionen des östlichen Christentums, aber auch die alten Götterwesen Babylons waren noch als Schatten präsent. Dazu wohl auch schon vor der Eroberung der persisch-sassanidische Synkretismus des Mazdaznan. Die beiden letzteren sind noch weitaus stärker als die Bücher des im Zuge ihrer Über­lie­ferung von vielen vor-davidischen Traditionen gereinigte Alte Testament von Mythen geprägt, die als Gedichte und Gesänge im Volk weite Verbreitung erfuhren.

Dem Synkretismus leistete der wohl erst als Jugendlicher bekehrte und getaufte Ephraim als Theologe erfolgreichen Widerstand, aber die Vorliebe für mythologische Stoffe und poetische Formen blieb ihm erhalten. Von daher ist Ephraim in Stil und Duktus seiner Schriften der „orientalischste“ unter allen Kirchenlehrern, was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, daß die bevorzugte Form seiner literarischen Produktion nicht nicht die systematische Abhandlung (Gregor von Nyassa), aber auch nicht die auf lebendige An­spra­che eines Publikums gerichtete Predigt (Augustinus, Chrysostomus) war, sondern die Dichtung, das Lehrgedicht oder der Hymnus. In diesen Lehrgedichten entfaltet er wie kein anderer den ganzen Reichtum der christlichen Offenbarung in lebendigen Bildern, die er oft mit Material aus dem alten Testament und aus Erzählungen des spätjüdischen und frühchristlichen Volksglaubens anreichert. Ähnlich wie seinem wenige Jahrzehnte jüngeren westlichen Zeitgenossen Aurelius Prudentius (*348 - ~410) gelingt es ihm dabei, den Inhalt der christlichen Lehre unter Nutzung von Elementen der Sprache und Denkweise der dem Christentum vorhergehenden Kultur und Glaubenswelt darzustellen, ohne in deren Verirrungen und Entstellungen abzugleiten. Zwei bewundernswerte Vorbilder echter Inkulturation.

Einen gerafften Überblick über das erhaltene Werk von Ephraim bietet der bei Zenon.org abrufbare Artikel aus Meyers großem Konversations-Lexikon von 1906. Relativ gut erreichbar sind seine „Ausgewählten nisibenischen Hymnen“ in der Bib­lio­thek der Kirchenväter von 1919, digitalisiertim Internet von der Universität Fribourg. Den ganzen damals bekannten Umfang seines Werkes bietet in 9 Bänden die große Aus­gabe der Bibliothek der Kirchenväter von 1830-1838 und 1870-1876, die ebenfalls zu großen Teilen in Fribourg digitalisiert wurde bzw. immer noch wird. Eine ins Englische übersetzte und hervorragend kommentierte Ausgabe der „Hymnen über das Paradies“ erschien 1990 bei St. Vladimirs’ Seminary Press in den USA und ist dort nach dem aktu­ellen Web-Katalog lieferbar.

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