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Ein echter Nachkomme des Leviathan: Der Modernismus verschlingt Welt und Kirche

20. Juni 2026

6 - Kirchenkrise

BTitelbild einer frühen Ausgabe des Leviathan von Thomas Hobbes. Oben der Fürst dieser Welt, gebildet aus den unzähligen Menschen, die ihm zuströmen - darunter die Welt mit Natur, Städten und allen menschlichen Institutionen

Der alles verschlingende Leviathan

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kämpfte die Kirche – die Päpste an der vordersten Front – gegen das Phänomen des „Modernismus“. Was das ist, wird bei Wikipedia ganz zutreffend so zusammengefasst: „Unter dem Schlagwort Modernismus fasste man in der römisch-katholischen Kirche bis in die Zeit vor dem Zweiten Vati­ka­nischen Konzil innerkirchliche Strömungen und wissen­schaftliche Meinungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen, die theologische Lehren mit dem jeweiligen Er­kenntnisstand der modernen Wissenschaften und Philo­so­phie in einer Weise zu verbinden suchten, die Widersprüche zwischen katholischem Glauben und modernem Weltbild aufheben und der kirchlichen Lehre den Anschluss an die Moderne ermöglichen sollte.“ Diese Beschreibung ist sehr präzise und läßt das Grundproblem aller Spielarten des Modernismus deutlich hervortreten: Sie alle zielen darauf ab, eine Art von Harmonie zwischen dem christlichen Glauben und modernen Weltbildern für möglich zu halten und anzustreben.

Doch nichts in dem, was Christus offenbart und gelehrt hat, ist geeignet, diese Vorstel­lung zu stützen. Der Fürst dieser Welt ist der große Widersacher von Gott und den Men­schen; die Men­schen stehen aus Adams Schuld von Geburt an unter seiner Herr­schaft. Erst durch Christi Erlösungswerk ist es möglich, sich von dieser Herrschaft frei zu machen – doch das erfordert ständigen Kampf und ganz und gar unharmonische An­stren­gung.

Dennoch hat sich die vom Fortschrittsoptimismus der Moderne getragene Illusion der großen Harmonie seit dem Ende des Konzils praktisch als herrschende Grundlage des kirchlichen Denkens durchgesetzt – mit verheerenden Folgen: Als Gegner gilt seitdem nicht mehr der Fürst dieser Welt in all seinen Spielarten und Erscheinungsformen, sondern der als „Rückständig“, „rigide“ und „“inhuman“ bezeichnete „Antimodernismus“ – so ändern sich die Zeiten.

Papst Pius X. als einer der entschlossensten Kämpfer gegen den Modernismus hatte sei­nerzeit diese Denkrichtung als „Sammelbecken aller Häresien“ (omnium haereseon collectum) bezeichnet. Da ist etwas dran: Die praktische Leugnung der Erbsünde und der gefallenen Menschennatur ist im christlichen Verständnisrahmen ganz klar eine Häresie fundamentalen Charakters. Aber die Rede von „Häresie“ läßt ein ganz wesentliches Ele­ment des modernistischen Denkens außer acht: Die klassischen Häresien bewegen sich innerhalb des religiösen Bezugsrahmens, konkret auf die Kirche bezogen also innerhalb des Systems der katholischen Glaubenslehre. Innerhalb dieses Bezugsrahmens lehnen sie einzelne Glaubensaussagen ab oder ersetzen sie durch einzelne Ideen aus anderen Reli­gio­nen oder nach Eigenbau.. Im Prinzip bleiben sie christlich oder zumindest theistisch - sie sind von wenigen Extremfällen abgesehen jedenfalls weder anti-metaphysisch noch gar atheistisch.

Der Modernismus geht demgegenüber aus einer säkularistischen Gedankenwelt hervor, die im Grundsatz mit Metaphysik, dem Gottesbegriff oder der Offenbarung wenig an­fan­en kann – selbst da, wo sie diese nicht aggressiv ablehnt. Diese Gedankenwelt ist materialistisch oder humanistisch grundiert, und wo sie sich religiös präsentiert, spielen aus der religiösen Sphäre übernommene Ausdrucksformen definitiv eine sekundäre Rolle. Der kirchliche Modernismus der Gegenwart hat keinerlei oder nur vorgebliches Interesse an theologischen Fragen wie z.B. dem Wesen der Dreifaltigkeit des einen Got­tes in drei Personen oder dem Ziel des menschlichen Lebens nach dem körperlichen Tode – Fragen an denen sich häretische Schulen ein-einhalb Jahrtausende lang mit Engagement auf Leben und Tod abgearbeitet haben.

Der religiöse Modernismus stellt den Menschen und dessen materielles und gesellschaft­liches Leben ins Zentrum und betrachtet Metaphysisches bestenfalls als auf menschliche Bedürfnisse zurückgehendes Randphänomen. Sein Engagement gilt dem Menschen, seinem materiellen und psychischen Leben. Auf diesen Gebieten hat er teilweise sehr entschiedene Vorstellungen, die er oft auf extrem intolerante Weise allgemeinverbindlich zu machen sucht. Abweichende Vorstellungen, die diesem Gedankengebilde nicht voll entsprechen, ihnen aber auch nicht diametral entgegengesetzt sind, werden gerne eine Zeitlang geduldet und in Dienst genommen – solange sie nützlich erscheinen.

Unsere sehr holzschnittartige Charakterisierung des Wesens des „Modernismus“ bietet nur eine erste Annäherung. Aber schon auf dieser Ebene hilft sie zum Verständnis einer zentralen Fragen: Wie es kommt, daß die soziologisch orientierte und humani­stische Grundtendenz der säkularen westlichen Industriegesellschaft so mühelos in die Kirche(n) eindringen und dort nahezu unangefochten die Herrschaft an sich reißen konnte? Denn: Den im Geist dieser Gesellschaft aufgewachsenen, erzogenen und ausgebildeten Men­schen bleibt kaum etwas anderes übrig – insbesondere dann nicht, wenn keinerlei Ge­gen­gewicht präsentiert wird. Der Säkularismus der Gesellschaft dringt nachgerade osmo­tisch als Modernismus in das ein, was vordem als der mystische Leib Christi begriffen wurde. Und so wird er nicht als Eindringling oder Fremdkörper empfunden, sondern formt die Kirche um als Fleisch von seinem Geist. Damit diese Umformung nicht allzu drastisch und zu offenkundig wird, hüllt sich dieser durch und durch säkularistische Geist nach Bedarf in Formen und Formeln, die er dem längst verworfenen religiösen Bezugsrahmen entnimmt. Da kann er denn auch als „Häresie“ im religiösen Sinne ver­standen werden.

Diese Häresie kann man auch nicht wie frühere Irrlehren durch Verweis auf die Wahrheit und die Offenbarung des Glaubens bekämpfen, denn sie gehören der Sphäre der Religion gar nicht mehr an, sondern ist ganz und gar von dieser Welt. Wenn man dem entgegen­tre­ten will, hilft keine Freundlichkeit und kein Dialog, sondern nur die entschlossene Absage. Widersagst du dem Satan? Und all seinen Werken, und all seiner Pracht?

Wir widersagen!

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