Joseph Ratzinger – der Prophet, der nicht Recht haben wollte
21. Juli 2026
Glaubenspräfekt Ratzinger
In den Diskussionen um die Priesterweihen der FSSPX am 1. Juli dieses Jahres findet auch eine Rede, die der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Ratzinger am 13. Juli 1988 – das war genau 13 Tage nach der damaligen Priesterweihe durch Erzbischof Lefebvre – vor den chilenischen Bischöfen in Santiago gehalten hat, wieder große Aufmerksamkeit; zumindest in Auszügen und in englischer Sprache. Wir haben die vollständige Rede mit einigem Suchen – auf der Website des Vatikans mit den Reden früherer Glaubenspräfekten ist sie inzwischen verschwunden – in einer inoffiziellen Übersetzung aus dem Spanischen auf dem „Portal zur katholischen Glaubenswelt“ ausfindig gemacht und zitieren hier zwei Abschnitte zur Einschätzung des II. Vatikanischen Konzils.
Sie machen deutlich, daß die Voraussetzungen und Erwartungen, von denen ausgehend Joseph Ratzinger das Konzil gegen die Kritik Lefebvres verteidigte, in den vergangenen fast vier Jahrzehnten nicht bekräftigt, sondern weitgehend widerlegt worden sind. „Das Leben selbst“, wie man so schön sagt, hat vielmehr gezeigt, daß die Einschätzung von Erzbischof Lefebvre weitaus realistischer war als der Versuch des damaligen Glaubenspräfekten, dieses Konzil in der Hermeneutik der Kontinuität zu lesen. Und das macht gerade Ratzingers Verteidigungsrede von 1988 zu einer der wirkungsvollsten Anklagen, die je gegen dieses Konzil formuliert worden sind.
Das Zweite Vatikanische Konzil gegen Mgr. Lefebvre als Wertvolles und Verbindendes der Kirche zu verteidigen ist und bleibt eine Notwendigkeit. Aber es gibt eine einengende Haltung, die das Zweite Vatikanum isoliert und die Opposition hervorgerufen hat. Viele Ausführungen vermitteln den Eindruck, daß nach dem Vatikanum II jetzt alles anders ist und das Frühere alles keine Gültigkeit mehr haben kann, oder, in den meisten Fällen, diese nur noch im Lichte des Vatikanum II hat. Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt man nicht als Teil der lebendigen Tradition der Kirche, sondern direkt als Ende der Tradition und so, als fange man ganz bei Null an. Die Wahrheit ist, daß das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewußt in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt.
Dieser Eindruck wird besonders durch Ereignisse des täglichen Lebens verstärkt. Was früher als das Heiligste galt - die überlieferte Form der Liturgie - scheint plötzlich als das Verbotenste und das Einzige, was man mit Sicherheit ablehnen muß. Man duldet keine Kritik an den Maßnahmen der nachkonziliaren Zeit; wo aber die alten Normen oder die großen Glaubenswahrheiten - zum Beispiel die leibliche Jungfräulichkeit Marias, die körperliche Auferstehung Jesu, die Unsterblichkeit der Seele etc. - im Spiel sind, da reagiert man entweder überhaupt nicht, oder nur in extrem abgeschwächter Form. Ich selbst habe als Professor sehen können, wie selbst der Bischof, der vor dem Konzil einen einwandfreien Professor wegen seiner etwas ungehobelten Reden ablehnte, sich nach dem Konzil nicht in der Lage sah, einen anderen Professor abzulehnen, der offen einige fundamentale Glaubenswahrheiten leugnete. Das führt bei vielen Menschen dazu, daß sie sich fragen, ob die Kirche von heute wirklich noch die gleiche ist wie gestern, oder ob man sie nicht ohne Warnung gegen eine andere ausgetauscht hat. Der einzige Weg, das Vatikanum II glaubwürdig zu machen, besteht darin, es klar als das darzustellen, was es ist: ein Teil der ganzen und einzigen Tradition der Kirche und ihres Glaubens.
Abgesehen von den liturgischen Fragen, die wir jetzt beiseite lassen, sind die zentralen Konfliktpunkte gegenwärtig der Angriff gegen das Dekret über die Religionsfreiheit und den sogenannten Geist von Assisi. Hier zieht Lefebvre die Grenzen zwischen seiner Position und derjenigen der Katholischen Kirche von heute. Es ist nicht nötig, ausdrücklich hinzuzufügen, daß seine Aussagen in diesem Bereich nicht akzeptiert werden können. Aber wir werden uns hier nicht mit seinen Irrtümern beschäftigen, sondern wir wollen uns fragen, wo es in uns selbst an Klarheit mangelt. Für Lefebvre handelt es sich um einen Kampf gegen den ideologischen Liberalismus, gegen die Relativierung der Wahrheit. Natürlich teilen wir nicht seine Meinung, daß der Text des Konzils über die Religionsfreiheit oder das Gebet von Assisi nach der gewollten Intention des Papstes Relativierungen sind.
Aber die Wahrheit ist, daß in der spirituellen Bewegung der nachkonziliaren Zeit oft die Frage der Wahrheit vergessen, ja sogar unterdrückt wurde; vielleicht liegt hier das Kernproblem der heutigen Theologie und Seelsorge. Die "Wahrheit" erschien plötzlich ein zu hoher Anspruch, ein "Triumphalismus", den man sich jetzt nicht mehr erlauben konnte. Dieser Prozeß zeigt sich klar in der Krise, in die das Ideal und die Praxis der Mission geraten sind. Wenn wir nicht die Wahrheit aufzeigen, wenn wir unseren Glauben verkünden und wenn diese Wahrheit nicht mehr unbedingt zur Rettung des Menschen erforderlich ist, dann verlieren die Missionen ihren Sinn. Als Folge davon zog und zieht man die Schlußfolgerung, daß man sich in Zukunft nur noch darum bemühen muß, daß die Christen gute Christen sind, die Moslems gute Moslems, die Hindus gute Hindus etc. Aber wie kann man wissen, wann jemand ein "guter" Christ oder "guter" Moslem ist? Der Gedanke, daß alle religiösen Ausdrucksweisen eigentlich nur Symbole des letzten Endes Unverstehbaren sind, gewinnt auch in der Theologie rasch an Boden und dringt bereits tief in die liturgische Praxis ein. Dort, wo dieses Phänomen auftritt, wird der Glaube an sich verlassen, denn er besteht ja gerade darin, mich der Wahrheit, soweit ich sie erkannt habe, anzuvertrauen. So haben wir sicher alle Veranlassung, auch in diesem Bereich auf den richtigen Weg zurückzukehren. Wenn es uns gelingt, wieder die Gesamtheit des Katholischen in diesen Punkten zu zeigen und zu leben, dann können wir damit rechnen, daß das Schisma von Lefebvre nicht von langer Dauer sein wird.
Soweit Ratzinger 1988. Er selbst hat sich in seinem auf so außergewöhnliche Weise beendeten Pontifikat nach Kräften bemüht, nach der von ihm vorgeschlagenen Strategie zu verfahren – und ist damit gescheitert. Das festzustellen, ist keine unbelegte Behauptung, sondern wird durch die Worte und Taten seiner Nachfolger bestätigt, die nicht müde werden, die Unvereinbarkeit von Glauben und Glaubenspraxis vor und nach „DEM KONZIL“ hervorzuheben. Papst Franziskus durch „Traditionis Custodes“, das die Ungeeignetheit der überlieferten Liturgie zum Ausdruck den neuen Glaubens feststellt, und Papst Leo dadurch, daß er dem II. Vatikanum die Formulierung neuer „grundlegender Elemente“ der Kirche zuschreibt, die nicht anzuerkennen von der Gemeinschaft mit Rom ausschließt.
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