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Zwei Monate nach den Bischofsweihen – Zum Ende der Sommerpause

01. September 2026

6 - Kirchenkrise

Der zeitgenössische Stahlstich zeigt den Blick in die Konzilsaula von 1970 in der Peterskirche mit dem vor dem Hauptaltar aufgeschlagenen Papstthron und einem im Mittelschif aufgestellten Altar für die Messfeiern.

Wieder im Gespräch: Das I. Vatikanum von 1870

Im Prinzip liegen wir mit unserer Sommer­pau­se im August ganz richtig: Im Vatikan, aber auch den meisten anderen kirchlichen und staatlichen Verwaltungen, sind die Beleg­schaften bis auf ein paar Stallwachen ziemlich ausgedünnt, und auch in der traditionsorien­tier­ten Web-Community wird es deutlich ruhiger. Im Normallfall. In diesem Jahr war das etwas anders – zumindest in den Bereichen, die nicht von staatlichen oder kirchlichen Beamten und Ge­halts­empfängern verwaltet werden. Bei You­tubern, Bloggern und Forendiskutanten herrschte Hochkonjunktur: Die Bischofsweihen der FSSPX werfen einen langen Schatten weit über den eigentlichen Bereich der Tradi­tion hinaus. Dort waren – und sind weiterhin – die Bischofsweihen und die anschließend ausgesprochenen Exkommunikationen ein schwergewichtiges Thema.

Bei der Behandlung dieser Themen wurden viele Fragen angesprochen, manche davon soweit wir sehen jedenfalls in der Tradi-Community überhaupt zum ersten Mal in dieser Tiefe. Sie werden uns noch auf längere Zeit in Atem halten.

Das auffälligste dieser zu neuer Aufmerksamkeit gekommenen Themen ist die Frage von Charakter und Reichweite der päpstlichen Autorität. Über den dem Papst geschuldeten Gehorsam wird schon seit längerem diskutiert. Doch jetzt gerät immer stärker auch das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit von 1870 in den Blick. Damit greifen die kriti­schen Nachfragen konservativer und traditionstreuer Kreise erstmals deutlich über das II. Vatikanum hinaus und stellen wenn nicht die Texte, so doch deren Interpretation und Implementation in Frage. Für Traditionalisten ist das ein reichlich gewagtes Vorhaben, wie nicht nur aus Modernistenkreisen mit Häme festgestellt wurde: Wollen sich nun auch die Tradis ihre Tradition selbst machen?

Festzuhalten ist jedenfalls, daß damit neben dem II. Jetzt auch das I. Vatikanum als Aus­gangspunkt problematischer Entwicklungen wahrgenommen wird – wobei sich die Kri­tiker übrigens auf die eher skeptische Konzilienwahrnehmung von Prof. Dr. Joseph Ratzinger bereits aus dem Jahr 1970 stützen können.

Wir können das Thema hier nicht in der Tiefe ausleuchten, müssen aber zugeben, daß es da im Zuge von 150 Jahren Jahren doch eine bemerkenswerte Entwicklung gegeben hat: Von der seinerzeit an stark einschränkende Bedingungen geknüpften Erklärung der Un­fehlbarkeit von feierlich „ex cathedra“ verkündeten Definitionen zu Theologie und Sit­tenlehre hin zu einer aktuellen Tendenz, selbst Randbemerkungen des Papstes auf einer improvisierten Pressekonferenz zum Ausfluß des petrinischen Lehramtes zu verklären. Auch denen sei, so heißt es, im Gehorsam zu folgen, und schon ist zu beobachten, wie derlei Spontaneitäten sogar als „loci theologici“ zur Grundlage gänzlich neuartiger Ge­dan­kengebilde gemacht werden. Oder sind sie vielleicht gar nicht so spontan, wie sie aus­sehen, sondern werden genau in dieser Zielrichtung platziert? Jedenfalls hat Papst Leo bereits mehrfach betont, es gehe derzeit (noch) nicht darum, die Lehre zu verändern, sondern Änderungen der Einstellung zu bewirken.

Das könnte vieles davon verständlicher machen, was derzeit aus Rom kommt – oder auch nicht kommt. Ein zweites großes Thema der vergangenen Wochen war die Frontenbil­dung und Zuspitzung, die durch die unerlaubten Bischofsweihen und die anschließende (rechtlich übrigens in vielerlei Hinsicht höchst anfechtbare) Exkommunikation“ der Bischöfe – oder der Priester insgesamt, oder sogar der dort regulär die Messe feiernden Gläubigen – innerhalb der traditionsorientierten Kreise selbst ausgelöst wurde. Hier ver­lief die allerdings nicht ganz trennungsscharf ausgebildete Frontlinie zwischen, denen, die der Erklärung der Bruderschaft zum Vorliegen eines innerkirchlichen Notstandes zu folgen vermochten und anderen, die entweder das Vorliegen eines Notstandes überhaupt bestritten oder darin jedenfalls keinen rechtfertigenden Grund für die Gehorsams­ver­wei­ge­rung gegenüber Papst Leo wahrnehmen konnten und diesen Akt der­ Verweigerung mehr oder weniger explizit als Bekundung der Trennung vom Heiligen Stuhl ansahen – also als Schisma.

Dieser Streit wurde insbesondere in den USA ziemlich heftig und nicht immer fair ge­führt, etwa wenn man sich zeitweise die Fraktionsbezeichnungen „Trad-Inc“ bzw. „Sede-Inc“ um die Uhren schlug. Damit wurden die „Tradis“ zu prinzipienlosen Schein-Tradi­tionalisten erklärt und die „Sedis“ des verkappten Sedisvakantismus beschuldigt. Die Endung „Inc“ für Incorporated transportierte dabei die Unterstellung, daß die Akteure der jeweiligen Gegenseite überwiegend aus wirtschaftlichem Interesse handelten. Hier­zu­lande hat man von dieser Seite der Auseinandersetzung wenig mitbekommen – in diesem Fall vielleicht mit guten Gründen.

Jedenfalls kann auch das Problemfeld „Sedi – Tradi“ hier und jetzt nicht ein­ge­hend be­handelt, sondern nur in groben Umrissen dargestellt werden. Aber der Vorwurf, aus wirtschaftlichem Interesse zu handeln, ist ungerecht bis bösartig gegenüber Theologen und Publizisten, die wegen ihrer traditionstreuen Haltung im Kirchendienst und dessen Einflußbereich keine Anstellung finden können und auch nicht als Pensionisten der gröbsten wirtschaftlichen Sorgen enthoben sind. Im Unterschied zum eher bräsigen Deutschland sind viele Amerikaner immerhin unternehmerisch genug eingestellt, um zu versuchen, ihrem missionarischen Auftrag in einem Beruf umzusetzen, der sie und ihre Familien ernährt.

Auf jeden Fall sollte man es gerade traditionsorientierten Katholiken nicht zum Vorwurf machen, wenn es ihnen schwer fällt, sich im Ungehorsam gegenüber dem Papst einzu­ric­ten: Ein hohes Maß an Papsttreue liegt seit fast zweitausend Jahren quasi in der DNA aller Katholiken. Und der umgekehrt anklingende Vorwurf des verkappten Sedisvakan­tis­mus ist ebenfalls ungerecht bis bösartig: Dem Papst in einer bestimmten Sache mit begründbaren Argumenten die Gefolgschaft zu verweigern, bedeutet noch lange nicht, ihm sein Amt abzuerkennen oder dieses Amt selbst in Frage stellen zu wollen. Derlei Kurzschlüsse im Denken sind freilich nicht zuletzt Ausdruck der oben konstatierten Über­höhung des Papstamtes, die in den letzten 150 Jahren eingetreten ist.

Und dann ist da natürlich das Dauerthema der Liturgie, der Liturgiereform und der liturgischen Mißbräuche, das in den vergangenen Monaten durch die (im übrigen davon abgeleitete) Diskussion der Bischofsweihen zwar etwas in den Hintergrund geschoben wurde, inzwischen aber wieder mächtig nach vorne tritt. Auslöser war ein Interview des Präfekten des Gottesdienst-Dikasteriums Roche, der im Gespräch mit The Tablet seine Zuversicht ausdrückte, Papst Leo werde nichts oder zumindest nichts wesentliches an den von seinem Vorgänger Franziskus in Traditionis Custodes verfügten drastischen Ein­schränkungen für den Gebrauch der überlieferten Liturgie ändern.

Das brachte die Tradi-Gemeinde mächtig in Bewegung und dazu auch noch gegen­ei­nan­der auf: Die einen sahen sich in ihrer Meinung bestätigt, daß Leo nur ein Franziskus mit besseren Manieren sei, die anderen mußten sich neue Argumente ausdenken, um Leo weiterhin als Hoffnungsträger anerkennen zu können – man will ja nicht in den Geruch des Sedisvakantismus geraten. Inzwischen hat Leo selbst solchen Vermittlungsbemü­hun­gen einen heftigen Dämpfer versetzt, indem er in seiner liturgischen Katechese vom 26. August mit starken Worten und schwachen Argumenten die Überlegenheit der Reform­liturgie gegenüber der Tradition behauptete, daß an ein Entgegenkommen seinerseits kaum noch zu denken ist.

Ein dritter Themenbereich, der hier nur ganz kurz benannt werden kann, zu dem aber zahlreiche zum Teil sehr erhellende Wortmeldungen erschienen sind, betrifft die un­längst als Grundelement des „Kirche-Seins“ neuentdeckte Synodalität. Zwei Jahr­tau­sende lang war die Kirche apostolisch und katholisch - und nun soll sie also plötzlich „synodal“ werden. Von dem, was derzeit unter Synodalität gehandelt wird, ist jedenfalls weder in der Tradition noch in den Dokumenten des II. Vatikanums etwas zu finden – hier ist mehr als ein Traditionsbruch im Gespräch, hier liegt Revolution in der Luft. Dieses Thema wird uns in den kommenden Monaten und Jahren intensiv beschäftigen.

Tatsächlich sind zu den oben genannten Problemfeldern in den vergangenen sechs Wochen zahlreiche Veröffentlichungen bekannter und weniger bekannter Autoren, überwiegend von Laien, aber zum Teil auch von (Weih-)Bischöfen und Kardinälen, erschienen die einzelne Punkte oder Zusammenhänge überaus erhellend abhandeln. Dabei kommen auch Positionen und Argumente zum Vorschein, die man bisher selten gehört hat und die zum Teil auch entschiedenen Widerspruch hervorrufen. Das ist zwar anstrengend, aber insgesamt doch sehr positiv zu beurteilen. In Teilen der Tradition hat sich seit Papst Benedikts Summorum Pontificum eine etwas denkfaule Selbst­zu­frie­den­heit breit gemacht: man wähnte sich auf der unanfechtbar richtigen Seite und hoffte oder glaubte, Franziskus sei nur ein Zwischenakt, ein Rückfall in ein bereits für überwunden gehaltenes Krankheitsstadium, und der nächste Papst werde es irgendwie schon richten.

Diese Hoffnung schwindet dahin. Für die absehbare Zukunft ist harte Arbeit angesagt – und der Mut zu der Einsicht, daß Säkularismus und Modernismus ihre Angriffe auf Glauben und Kirche längst nicht mehr von Außen oder den Rändern her vortragen, sondern mitten im Zentrum Fuß gefasst haben. Der Begriff ecclesia militans hat viele Deutungsmöglichkeiten – auch ein Bürgerkrieg ist nicht ausgeschlossen.

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