Eine Ehrenrettung für die allegorische Meßerklärung
11. September 2026
Zur Kommunion: Grablegung Christi
Nichts an der hl. Messe ist selbst-verständlich – besonders nicht ihre Texte. Dabei spielt es nur eine sekundäre Rolle, ob diese Texte in Latein oder in einer Volkssprache geboten werden, ob ein Mitfeiernder diese Sprache versteht oder nicht. Für den Ritus, für die äußere Form, trifft diese Schwerverständlichkeit nur bedingt zu: Riten und Gesten sind zwar nicht unbedingt transkulturell, aber doch sprachübergreifend in einigem Umfang verständlich oder zumindest deutbar. Ein ostasiatischer Buddhist, der in ein feierliches Hochamt nach dem überlieferten Ritus geriete, würde sofort begreifen, daß er hier einem "Gottesdienst" beiwohnt (obwohl er ein ganz anderes Gottesverständnis hat), daß hier zu einem mächtigen und bermherzigen göttlichen Wesen gebetet wird und daß diese Gebete mit einer Opferhandlung verbunden sind. Und auch ein moderner Westler ohne Religionszugehörigkeit hätte ähnliche Empfindungen – wenn er sie vielleicht auch weniger klar einordnen könnte. Bei einer Feier im Novus-Ordo nach der in den meisten deutschen Gemeinden üblichen Art waren bei beiden Zufallsbesuchern diese Epfindungen weitaus unklarer.
Das ist eines der großen Mißverständnisse des Ansatzes der LiturgieIngenieure von 1965: Sie glaubten, die aus der Spätantike oder dem frühen Mittelalter überkommenen Formen der Liturgie der Formenwelt des (mitteleuropäischen) "Menschen von Heute" anpassen zu müssen - und übersahen dabei, daß die ihrer Ansicht nach nicht mehr zeitgemäßen Formen tief im kulturellen Bewußtsein (nicht aller, aber sehr vieler) Gesellschaften verwurzelt sind und oft selbst von Menschen, die ganz anderen kulturellen Hintergrund haben, quasi „instinktiv“ so wahrgenommen werden, wie sie gemeint sind.
Ein besonderes Ärgernis für die Liturgiereformer war die seit weit über 1500 Jahren geübte Form der allegorischen Messerklärung, die das quasi naive Formenverständnis des theologisch ungebildeten Laien so mit theologisch fundierteren Erklärungen verband, daß das Verständnis der heiligen Handlungen in die richtige Richtung gelenkt und vor denkbaren Mißverständnissen und Fehldeutung geschützt wurde. Die dazu genutzten Bilder und Sprachbilder aus den Evangelien waren zwar auch nicht immer auf dem höchsten theologischen Niveau, aber sie erfüllten die ihnen zugedachte Aufgabe doch in hohem Maße, wie am Beispiel des oben gezeigten Bildes aus einer Meßerklärung des Jahres 1904 zu erschließen ist: Die einzelnen Kapitel sind zu den verschiedenen Stationen der Messfeier mit Bildern illustriert, die erkennbar immer den gleichen Priester, den gleichen Messdiener und den gleichen Altar zeigen - aber mit jeweils verschiedenem Gesten der handelnden Personen und vor allem mit unterschiedlichen Altarbildern. Unsere Abbildung oben ist dem Abschnitt Kommunion entnommen - und hier zeigt die Retabel das Bild der Grablegung Christi - die Kreuze von Golgatha noch im Hintergrund. Noch drastischer und einprägsamer ist kaum ins Bild zu fassen was die Worte „Das ist mein Leib der für Euch und für viele dahingegeben wird“ bedeuten.
So verbindet sich mit jedem Abschnitt der Messfeier in der Allegorie ein anderes Bild, ein anderer Gedanke: Für das Staffelgebet steht der Aufstieg zum Berg Golgatha, für das Konfiteor die Szene der Geißelung, für das Gloria in Umkehrung des Gedankens die Verspottung Jesu durch die Henkersknechte ... Zugegeben, diese Bilder vermittelten nicht immer eine theologisch präzise Vorstellung von dem, was der Glaube letztlich zu den dargestellten Gegenständen aussagt. Aber ist das bei akademischen Haarspaltereien um Transsiginfikation und Transsfinalisation denn besser? Jedenfalls lenken die allegorischen Bilder und Gleichnisse das Denken hin zur Wahrheit des Glaubens und nicht davon weg.
Die bildhafte Verbindung einzelner Abschnitte der Messliturgie mit den Stationen insbesondere der Passion aus den Evangelien, aber auch mit Szenen aus dem Alten Testament wie etwa dem Opfer von Brot und Wein durch Melchisedech, hat eine lange Tradition, die bis auf frühe Kirchenlehrer und Theologen wie Clemens von Alexandria und Origines zurückgeführt werden kann. Zum ersten Mal in systematischer Form wird sie für uns in den liturgischen Schriften des Trierer Erzbischofs Amalar von Metz (~775 - 850) fassbar. Ihren wohl wortmächtigsten Ausdruck im deutschen Sprachraum hat sie in der Meßerklärung des Kapuzinerpaters Martin von Cochem (1634 - 1712) gefunden, die bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zahllose Auflagen erlebte und zum eisernen Bestand des (im übrigen nicht allzu langen) Bücherbretts in jedem katholischen Haushalt gehörte. Zur Erstkommunion eines Kindes kamen oft mehrere Exemplare davon gleichzeitig ins Haus - die dann in der Verwandtschaft weiterverschenkt wurden.
Ausgehend von Martin von Cochem, aber keinesfalls darauf beschränkt, wollen wir dem Thema der allegorischen Meßerklärungen in den kommenden Wochen und Monaten weiter nachgehen. Die Meßerklärung Martins von Cochem ist in vielen "Gebrauchtbücher-Märkten" günstig zu bekommen - aber nicht alle früheren Auflagen sind gleich gut. Eine solide Vorlage liegt dem Nachdruck des Sarto-Verlages zu Grunde.
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