Summorum Pontificum.de

Zum Fest Kreuzerhöhung: Die wahre Geschichte vom Kreuz Christi und warum fromme Legenden oft mehr Wahrheit vermitteln als historische Forschung

15. September 2026

3 - Kultur und Tradition

Die Miniatur zeigt die Szene, in der die Königin von Saba beim Besuch im Palast Salomos den als Behelfsbrücke dienenden Baumstamm als das künftige Kreuz erkennt

Die Königin von Saba erkennt das künftige Kreuzesholz

1. Historischer Abriß in etwa nach dem Stand der Forschung

Das Fest Kreuzerhöhung am 14. September gedenkt der ersten öffentlichen Präsentation des durch die Bemü­hungen der Kaiserin Helena wiedergefun­de­nen wahren Kreuzes Christi im Jahre 335. Am Tage zuvor war eine für die Aufbewahrung des Kreuzes neu errichtete Kirche eingeweiht worden, weshalb dieser Tag insbesondere in Kirchen des Ostens als höherrangiges Fest gefeiert wird. Nach der zweiten Zerstörungen Jerusalems in der Folge des Bar Kochba-Aufstands der 130er Jahre war Juden – und das betraf naturgemäß auch viele jüdische Christen – das Betre­ten der Stadt strikt verboten. Kaiser Hadrian ließ auf den Trümmern die römische Stadt Colonia Aelia Capitolina errichten; auf dem Tempelberg stand nach Auskunft des Eusebius von Caesarea ein Venus-Tempel. Zwar gab es weiterhin – ebenfalls nach Eusebius – eine kleine christliche Gemeinde mit eigenem Bischof, aber die Erinnerung an den genauen Ort der heiligen Stätten ver­blaß­te in dem Maß, in dem Trümmer und Fundamente der Bauwerke und teilweise sogar die alten Straßen aus der Zeit Christi verschwanden.

Nach einer schleichenden Wiederbesiedlung Jerusalems durch Juden und Christen rück­te die Stadt mit der Erklärung des Christentums zur offiziellen Religion durch Kaiser Konstantin wieder stärker ins Blickfeld der erstarkenden christlichen Welt. Auf Anre­gung und mit Unterstützung des Kaisers veranlaßte der damalige Jerusalemer Bischof Makarios in den 20er Jahren des 4. Jahrhunderts Ausgrabungen mit dem Ziel, die gehei­ligten Orte wieder aufzufinden und zugänglich zu machen.

Seine von Kaiserinmutter Helena nachdrücklich unterstützten Anstrengungen, führten schließlich zu der allgemein mit dem Namen von Kaiserin Helena verbundenen Wie­derauffindung des Kreuzes. Am Ort des Grabes und der Auferstehung Christi wurde eine Kirche gebaut, deren Mauern heute noch zu einem Teil in der Kirche erhalten sind, die im Osten „Auferstehungskirche“ und im Westen „Grabeskirche“ genannt wird. Diese Kirche wurde am 13. September 335 eingeweiht, und am folgenden Tag wurde das Kreuz dem Volk der Stadt auch erstmals feierlich ausgestellt (erhöht) – das ist der Ursprung für das Datum des gestrigen Festes, dessen Inhalt sich im Lauf der Jahrhun­derte veränderte und erweiterte. Insbesondere bewahrt es auch das Gedächtnis der Wiedergewinnung des von den Persern erneut entführten Kreuzes im 7. Jahrhundert.

Die Reliquien des Kreuzes in Jerusalem und Konstantinopel gingen nach der Eroberung und Plünderung dieser Orte durch die Mohammedaner erneut verloren, der von Helena in ihren Palast in Rom verbrachte Teil ist durch die zahlreichen davon genommenen Teilreliquien im Lauf der Zeit deutlich kleiner geworden. Die Behauptung aufgeklärter Spötter, die Masse der Kreuzreliquien reiche aus, um daraus eine ganze Schiffsflotte zu bauen, ist freilich Fake-Science: Schon im 19. Jahrhundert stellte der Architekt Charles Rohaust de Fleury eine Liste aller größeren Kreuzfragmente in Europa zusammen und berechnete deren Volumen auf etwa 4 Liter, spätere Forschungen haben diesen Wert auf 4,5 Liter erweitert. Nach allem, was wir über die Beschaffenheit römischer Kreuze wissen, war das etwa 1 Viertel des Volumens, das für ein solches Kreuz anzunehmen ist. Trotz mög­licher Zweifel an der Echtheit einzelner Stücke: So leicht lassen sich also die Kreuz­reliquien nicht weg-aufklären.

2. Die Legende von der Auffindung des wahren Kreuzes
nach Jacopo de Voragine

Historischen Boden verlassen müssen wir dann, wenn wir uns den Erzählungen zu­wen­den, mit denen der fromme Sinn frühchristlicher Schriftsteller das Holz des Kreuzes Christi seit ältester Zeit umgeben hat. Sie waren von zweierlei Motiven geleitet, die es beide verdienen, auch heute wieder ernster genommen zu werden als zu einer Zeit, in der "Verwissenschaftlichung" nicht nur als Leitparole der theologischen Forschung, sondern auch der Pastoral und Katechese alle anderen Modelle verdrängte.

Das erste Motiv war die Einordnung von Berichten und Motiven des Neuen Testaments in die Heilsgeschichte des Alten Bundes. So tief und schmerzhaft der Bruch auch war – es war allgemeine Überzeugung, dass die Kontinuität nicht verloren gehen sollte. Zweites Motiv war, die zumeist sehr nüchternen und knappen Berichte des Neuen Testaments und oft auch der frühen Kirchenlehrer bildhafter und damit leichter fassbar zu gestalten. Die Autoren solcher Erzählungen folgten dabei ohne sich dieser Tradition bewußt zu sein dem Vorbild der Verfasser des uns heute vorliegenden Alten Testaments, in dem solche Ausschmückungen untrennbar mit den zugrunde liegenden Berichten verwoben sind.

Der Dominikaner und Erzbischof von Genua Jacopo de Voragine (1228 - 1298), der ein für seine Zeit ungewöhnlich belesener Mann war und offenbar Zugang zu einer reich be­stückten Bibliothek hatte, hat seine Erzählung zum Wahren Kreuz Christi aus mehreren bis in die Frühzeit der Kirche zurückreichenden Vorlagen zusammengestellt, die teils hi­storischen Anspruch erheben, teils auch von Anfang an als Literatur zur frommen Erbau­ung anzusehen sind.

Die Auffindung des Kreuzes durch Helena war, wenn wir Jacopo folgen wollen, bereits die fünfte Station in der durch das Kreuzesholz verkörperten Heils­geschichte. Jacob­ schreibt: „vor dieser (Helenas) Zeit ward es gefunden von Seth, dem Sohne Adams im irdischen Paradies, danach ward es gefunden von Salomon auf dem Libanon, danach von der Königin von Saba im Tempel Salomonis, danach fanden es die Juden in dem Fisch­teich.“ Diese Stationen verdienen eine kurze Betrachtung im Einzelnen.

Als Adam zum Sterben lag, so weiß es schon das apokryphe Nikodemus-Evangelium, pilgerte sein Sohn Seth zum Paradies, um heilsames Öl vom Baum des Lebens zu erbit­ten. Doch das wurde ihm vom Erzengel Michael, der das Tor bewachte, verweigert. Statt dessen gab dieser ihm ein Zweiglein vom Baum, an dem die Stammeltern gesündigt hat­ten, mit den Worten: Wann dieser Zweig Frucht bringt, wird dein Vater gesund werden. Als Seth zurückkam, war Vater Adam gestorben, und der Sohn pflanzte den Zweig auf sein Grab.

Dieser Zweig war bis zur Zeit Salomonis zu einem prächtigen Baum herangewachsen, so daß der König ihn für den Bau seines Palastes, der auch den Tempel enthielt – oder des Tempels, der auch den Palast enthielt – aussuchte und fällen ließ. Doch der Stamm ent­zog sich jeder Verwendung – wie man ihn auch zurichtete, stets war er zu kurz oder zu lang für die vorgesehene Stelle. Schließlich verwarfen ihn die Bauleute und legten ihn als Steg über einen Teich. Als die Königin von Saba Salomon besuchte und diese Steg über­schritt, wurde ihr die zukünftige Stellung dieses Holzes offenbart und sie ließ den König wissen, daß daran eines Tages derjenige hängen werde, der dem Reich der Juden sein Ende bereiten würde. Daraufhin ließ Salomon, der und dessen Vater David dies Reich doch gerade erst begründet hatten, den Stamm so tief er konnte in der Erde vergraben; er wurde vergessen.

Spätere Generation legten an dieser Stelle ein Wasserbecken an, in dem die Leviten des ersten Tempels die Schafe zum Opfer im täglichen Gottesdienst wuschen. Jene Schafe, die den Opferpriestern von der Schafweide bei Bethlehem alltäglich zugeliefert wurden. So wurde das Wasserbecken zum heilkräftigen Teich von Siloah. „Und also“ – schreibt Jacopo – „geschah die Bewegung des Wassers und die Heilung der Kranken nicht allein durch die Berührung des Engels, sondern auch durch die Kraft des Holzes“. (vergl. dazu Joh. 9,7) Und weiter: „Da nun das Leiden Christi herannahte, schwamm das Holz empor, die Juden sahen es und bereiteten daraus das Kreuz des Herrn“.

Und so brachte der Zweig vom Baum des Lebens endlich die dem Adam und seinen Söh­nen versprochene Frucht.

*