Immer Ärger mit den frommen Nonnen
24. September 2026
Kapitelsaal im Baustil von 1700
Noch im Mai dieses Jahres hatte Bischof Fernandes von Columbus der feierlichen ewigen Profess von drei Schwestern der Gemeinschaft der „Children of Mary“ in Newark, Ohio, präsidiert – im August mußte der Bischof auf Geheiß Roms die Auflösung der Gemeinschaft verkünden, die in Ohio seit mehr als 25 Jahren ein Leben der Kontemplation und des Gebetes führt, und darüber hinaus erfolgreich in der Evangelisierung tätig ist und 2016 als „öffentliche Vereinigung von Gläubigen“ anerkannt worden war. Nun sollte sie als geistliches Institut diözesanen Rechts bestätigt werden – wozu der Ortsordinarius nach den neuen von Franziskus erlassenen Vorschriften (Authenticum Charismatis von 2020) die Genehmigung Roms einholen muß. Doch statt der Genehmigung kam die Ablehnung, verschärft durch den Hinweis, daß die Gemeinschaft „weder jetzt noch in Zukunft“ mit Anerkennung rechnen könne und deshalb baldmöglichst aufzulösen sei. Den Mitgliedern wurde freigestellt, sich um Aufnahme in andere Gemeinschaften zu bewerben oder ins Privatleben zurückzukehren. (Quelle AdVaticanum)
Was die Gründe dieser bemerkenswerten Entscheidung betrifft, blieb die für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens zuständige Behörde unter Leitung von Präfektin Brambilla schmallippig. Es war von formativen Problemen die Rede – also Mängeln der Ausbildung; von Verletzung der Trennung zwischen internem und externem Forum – was gemeinhin auf spirituellen Mißbrauch hindeutet – und dann höchst allgemein von „Mißständen hinsichtlich der evangelischen Räte (Armut, Keuschheit und Gehorsam)“. Oft verbergen sich hinter dieser Formulierung Vorwürfe sexueller Verfehlungen – im konkreten Fall deuten die äußeren Umstände wie auch Formulierungen des römischen Schreibens eher darauf hin, daß die Zentralverwaltung Anstoß an den Dispositionen hinsichtlich des Vermögens der Gemeinschaft genommen hatte. Seit dem blamablen Fehlschlag bei der Disziplinierung der Franziskaner der Immakulata, als es der Kurie weitgehend mißlang, Hand auf die von dem Orden genutzten Vermögenswerte und Immobilien zu legen, sind die Römer hier sehr aufmerksam – und die Rom unterstehenden Gemeinschaften ebenso – nur in der anderen Richtung – indem sie darauf achten, die Vermögensverhältnis über weltliche Trägervereine so zu gestalten, daß es kirchenrechtlich keine Zugriffsmöglichkeiten gibt. Wie bei den Franziskanern der Immakulata hat Rom in solchen Fällen schon mehrfach die weltliche Gerichtsbarkeit einzuschalten versucht – und ist dabei regelmäßig erfolglos geblieben.
Bei den „Children of Mary“ scheint auch der Aspekt „Formatierung“ eine Rolle gespielt zu haben. Die modernistische Vorstellung vom Ordensleben ist trotz gelegentlicher anderslautender Beteuerungen sehr stark auf das Leitbild von Sozialarbeiter/in und Manager/in fixiert – was dem nicht genügend entspricht, ruft Mißtrauen und Abwehr hervor. Die betende Nonne, die in strenger Klausur lebt, acht Stunden am Tag beim Chorgebet oder in persönlicher Betrachtung verbringt und ansonsten zwischen Gartenarbeit und Paramentenstickerei alles tut, was man hinter hohen Klostermauern ungestört tun kann, wird bestenfalls toleriert, aber keinesfalls gefördert. Das gilt übrigens unabhängig davon, ob eine Gemeinschaft liturgisch in der vor- oder der nachkonziliaren Epoche lebt – in einer kontemplativen und vom Gebet erfüllten Umgebung kommen die negativen Seiten der modernen Liturgie weitaus weniger zur Geltung als „draußen in der Welt“, für die sie vermeintlich geschaffen worden ist.
Die Children of Mary haben übrigens die Auflösung ihrer Gemeinschaft in frommem Gehorsam – so sieht es jedenfalls aus – akzeptiert und bereiten sich darauf vor, einzeln oder in Gruppen neue geistliche Heimat zu finden. Wir werden sehen, wie das weiterhin verläuft.
Der Fall der Children of Mary ist nicht das einzige Problem mit kontemplativen Frauenorden in den USA, das bis hier nach Europa bekannt geworden ist. Einiges Aufsehen erregt haben die „Arlington-Carmelites“, deren Konvent nach einigen Jahren unschönen Gezerres zwischen Kloster und Bistum (Fort Worth) – auch hier soll eine wertvolle und bestens vermarktbare Immobilie eine zentrale Rolle spielen – schließlich kirchenrechtlich aufgelöst wurde. Als die große Mehrheit der Gemeinschaft diese Auflösung nicht akzeptierte, sondern in den eigenen, dem Zugriff des Bistums und der Kirche entzogenen Liegenschaften weitermachte wie bisher, wurden sie samt und sonders exkommuniziert – die nachkonziliare Kirche weiß die ihr zu Gebote stehenden Machtmittel sehr wohl einzusetzen, wo sie das will. Für die Karmeliterinnen von Arlingten begann mit der Exkommunikation eine Zeit der Unsicherheit über den künftigen Weg, der nun dem Ende zuzugehen scheint: Mitte August besuchte Bischof Fellay das Kloster, führte mehrtägige Gespräche und feierte für die Nonnen die hl. Messe. (Quelle)
Noch nicht ganz so weit gediehen ist der Konflikt um ein anderes Kameliterinnenkloster in den USA – um die Fairfield-Carmelites in der Diözese Harrisburg, Pensylvania. Das ist eine sehr junge Ausgründung eines Konvents in Nebraska, die etwa 25 Schwestern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren umfaßt und sich ein ganz besonderes Ziel gesetzt hat: Sie wollen nicht nur eins streng kontemplatives Leben führen, wie es die Regel der hl. Theresa von Avila und des hl. Johannes vom Kreuz vorsieht – sie wollen das auch unter den gleichen Lebensumständen tun wie ihre großen Vorbilder im 16. Jahrhundert. Deshalb bauen sie (Spender und Wohltäter gibt es offensichtlich genug) ein neues Kloster in einer abgelegenen Gegend mit den Materialien und den Bauverfahren des 16. Jahrhunderts – natürlich ohne Stromanschluß, Wasserleitung und öffentliche Kanalisation. Das hat sie in vielfältige Konflikte mit allen möglichen kirchlichen und weltlichen Behörden gebracht – von der Baupolizei, dem Gesundheitsamt bis – natürlich – zur römischen Dikasterie für das geweihte Leben, die einen solchen Rückschritt ganz und gar nicht billigen kann; auch denn nicht, wenn er direkt in das Leben von zwei der größten Heiligen der beginnenden Neuzeit führen soll.
Die Konflikte mit den staatlichen Behörden scheinen lösbar zu sein, und das aus einem für die USA sehr spezifischen Grund: Harrisburg bzw. dessen Umland bildet einen Schwerpunkt der Amisch-Siedlungen in Nordamerika; in den nördlich und südöstlich von Harrisburg gelegenen Landkreisen leben insgesamt 45 000 Amische – und das alles nach der Bauweise, der Technik und dem Schulwesen Mitteleuropas um 1700. Da gibt es in der Regel keinen Strom, kein Benzin, kein Handy – nur am Ortsrand eine Telephonzelle für eine Siedlung von über 1000 Menschen Das geht, und anscheinend geht das sogar recht gut – die Zahl der Amischen in Nordamerika ist gegenwärtig wieder im Zunehmen, teils wegen des Kinderreichtums der Familien, teils wegen Zuzugs aus zivilisationsmüden Großstadtmilieus, und liegt derzeit über 400 000.
Die Behörden der entsprechenden Staaten haben gelernt, sich mit dem spezifischen Verständnis der Gruppen von Lebensweise und Technik zu arrangieren – den Römern ist dieser Lernprozess (hat hier jemand „hörende Kirche“ gesagt?) bisher erspart geblieben – aber bei den Karmeliterinnen von Fairfield werden sie mit ihren Vorstellungen vom modernen Ordensleben wohl auf Granit beißen. In ihrem Glauben sind sie von den auf die Wiedertäuferbewegung der radikalen Reformation zurückgehenden Amischen denkbar weit entfernt – in ihrer Lebensweise wollen sie ihnen bzw. ihrem gegenreformatorischen Vorbild Theresa von Avila möglichst nahe kommen.
In Rom hat man von alledem wenig Kenntnis und noch weniger Verständnis. Das kontemplative Leben ist den Bürokraten und Managern im Vatikan ein Buch mit sieben siegeln – und mit kontemplativen Frauenorden kennen sie sich erst recht nicht aus. Das ändert sich auch nicht mit der sakramententheologisch überaus bedenklichen Ernennung einer Ordensfrau zur Präfektin des Dikasteriums für die Ordensgemeinschaften: In den Frauen- ebenso wie in den Männerorden dominiert derzeit der Typ des weltzugewandten Mangertums; da ist die Geschlechtsangleichung längst vollzogen. Und wo sich Frauenklöster mit ihrer sehr spezifischen weiblichen Spiritualität gegen diese Angleichung sperren, hat Franziskus bereits 2018 mit seinem Erlass Cor Orans ein Instrument geschaffen, das diese Gleichschaltung vorantreiben soll und das nun unter Papst Leo ebenso intensiv genutzt wird wie von Franziskus beabsichtigt.
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