Die römische Konferenz zu Amoris Laetitiae macht das Lehramt (über)flüssig.
16. Oktober 2026
„,Alles fließt' lehrt Heraklit — der Felsen Petri, der fließt mit.“ (Carl Schmitt)
Am Vormittag des Mittwoch, 14. Oktober, endete die Amoris-Laetitia-Gedenk-und-Vertiefungskonferenz im Vatikan mit einem feierlichen Hochamt auf dem Petersplatz, das in Vertretung des gerade am Vortag an der Lunge operierten Papstes Leo XIV von Kardinaldekan Tagle zelebriert wurde. Erst in der Vorwoche war der Philippiner Tagle vom Kardinalskollegium gewählt und anschließend vom Papst bestätigt worden. Er hielt keine eigene Predigt, sondern verlas eine vom Papst vorbereitete Ansprache; erfreulicherweise verzichtete er auch auf den Gesang der von ihm 2019 auf einer Caritas-Konferenz mit großem Engagement vorgetragenenAgnostiker-Hymne „Imagine“ von John Lennon.
Die angekündigte offizielle Abschlußerklärung zur Konferenz wurde bislang nicht veröffentlicht – was uns im Gegensatz zu einigen anderen Beobachtern der römischen Dinge unmittelbar einleuchtet, denn solange Papst Leo nur eingeschränkt arbeitsfähig ist, bleiben solche wichtigen Dokumente eben in der Warteschleife – kein Grund, daran Anstoß zu nehmen.
Außerdem sind wir nur begrenzt auf ein solches Papier angewiesen – die bisher veröffentlichten Informationen sind völlig ausreichend, um sich ein Bild zu machen. Der Sache nach geht es um den ganzen Bereich der Ehe- und Sexualmoral der Kirche, der nach der Veröffentlichung von Amoris Laetitae in beträchtliche Verwirrung gestürzt worden war. Eine umfassende Aufzählung der Problempunkte – aus progressiver Sicht gewertet, versteht sich – hatte katholisch.de bereits in den Tagen vor der Konferenz veröffentlicht. Alles, was nach der bisherigen Lehre der Kirche bei den „modernen Christen“ Anstoß erregen könnte, wurde darin relativiert oder abgeräumt. Die Kirche soll danach – die Kirche erklärt quasi feierlich und mit lehramtlicher Autorität, daß sie auf ihr Lehramt verzichtet, die von Christus begründete und von den Aposteln tradierte Lehre beiseite legt und die „Lebenspraxis der Menschen“ zum entscheidenden „locus theologicus“ erhebt: „Wer sind wir denn, zu urteilen.“
Die Diskussion des Jahres 2016, die schließlich zu den nie beantworteten „Dubia“ der Kardinäle um Burke und Brandmüller geführt hatte, spielte auf der Konferenz keine Rolle mehr: Das war ja doch nur eine Fußnote in Kap. 8, Nr. 351. Um sicherzustellen, daß davon nicht mehr gesprochen würde, hatten die Verantalter denn auch praktisch keine Teilnehmer eingeladen, die sie als unsichere Kandidaten betrachten. Und sie gingen novh weiter: Fußnote 351 hatte immerhin noch von „Paaren in irregulären Situationen“ gesprochen, denen man gegebenenfals auch den Zugang zu den Sakramenten ermöglichen müsse. Das wurde zunächst hinsichtlich von „wiederverheirateten Geschiedenen“ interpretiert – also von öffentlich im Ehebruch lebenden Kirchenmitgliedern. Im Lauf weniger Jahre wurden dann auch zunehmend „gleichgeschlechtliche Paare“ in diesem Begriff eingeschlossen, und inzwischen hat einer der berüchtigten Paradigmenwechsel des sich selbst suspendierenden Lehramtes dazu geführt, daß überhaupt nicht mehr von irregulären Situationen“ gesprochen wird – alles, was die Menschen tun, ist irgendwie in Ordnung, schließlich hat Gott sie ja so geschaffen.
Wie weit einige Leute dabei heute zu gehen bereit sind, geht aus einem dankenswerterweise während der Konferenztage auf feinschwarz.net veröffentlichten und von katholisch.de begeistert apportierten Beitrag des Münsteraner Priesters und Theologen Égide Muziazia zur Regularisierung des kirchlichen Begriffes von Polygamie hervor. Die seit zweitausend Jahren von der Kirche verkündete Lehre von der Ehe als die „Verbindung eines Mannes mit einer Frau bis dass der Tod sie scheidet“ ist nur eine kulturell bedingte, aber in dieser Form unzulässige Verallgemeinerung – das Evangelium der Lebenswirklichkeit lehrt uns etwas anderes.
Wir müssen an dieser Stelle bekunden, daß uns jegliche Motivation fehlt, auf derlei Pseudotheologie näher einzugehen. Das ist Ersetzung der Theologie durch Soziologie – Säkularisierung dessen, was früher der christliche Glaube war, in der Endstufe. Danach bleibt von Moses und den Propheten, von Christus und seinen Aposteln, nichts mehr übrig; es regiert die von Papst Benedikt in prophetischen Worten gegeißelte „Diktatur des Relativismus“, die sich nun anschickt, die Unterwerfung auch des Vatikans zu vollenden. Wir verzichten daher auf ein ursprünglich geplantes näheres Eingehen auf die im Vorfeld der AL-Konferenz entwickelten Argumentationsfiguren und präsentieren den Ertrag dieser denkwürdigen Veranstaltung aus der Perspektive der überglücklichen Bilanz, die das Zentralorgans der Deutsch-Synodalistischen Kirche jetzt im Interview mit dem Münsteraner Lehrstuhl-Sitzer Christian Bauer veröffentlicht hat. Originaltöne Bauer:
Das wohl wichtigste Ergebnis der Bischofsversammlung ist ein wachsender weltkirchlicher Konsens über Gegenstand und Methode von "Amoris laetitia". Über den Gegenstand: Es geht um Zuhören ("Ascoltare"), Begleiten ("Accompagnare") und Abwägen ("Discernere") – kurz: um einen pastoral sensiblen und nicht mehr doktrinär verurteilenden Ansatz, um eine Verletzungen ernstnehmende und nicht mehr verletzende Sprache. Von sogenannten "irregulären" Lebensformen ist jedenfalls nicht mehr die Rede. Genauso freut mich, daß auch der methodische Paradigmenwechsel des Dokuments nicht mehr infrage steht: Man muss synodal von konkreten Erfahrungen ausgehen, nicht mehr hierarchisch von abstrakten Prinzipien. (…)
Leider gibt es in manchen Teilen der Weltkirche noch immer erhebliche Vorbehalte, die zum Teil auf Falschinformationen und Fehleinschätzungen basieren – und zwar nicht nur in Bezug auf den Synodalen Weg, sondern auch gegenüber der deutschen Theologie. In den letzten Tagen ist mir in Rom aber nicht nur vorsichtige Skepsis, sondern auch große Offenheit und herzliche Sympathie begegnet. (…) Mich hat überrascht, daß es einige prophetische Stimmen aus der Synodenaula in das Dokument geschafft haben, die das enthalten, wovon Karl Rahner einst mit Blick auf das letzte Konzil gesprochen hat: "Haken" zur theologischen Weiterarbeit. Und zwar nicht nur im Sinne einer Weiterentwicklung von Pastoral und Theologie, sondern auch des kirchlichen Lehramts.
Da gnade uns Gott.
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