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Allerseelen und die verlorene
Drei-Einheit der Kirche

02. November 2026

3 - Trdition und Kultur

Das Andachtsbild zeichnet auf zunächst naive Weise die drei Bereiche der Kirche: Oben der Himmel mit den himmlischen Heerscharen und dem Chor der Heiligen, in der Mitte die irdische Welt, unter der Erde die Leidenden Seelen im Fegefeuer - und alle drei Bereiche Verbunden durch das hl. Messopfer und die daraus hervorgehenden Gnadengaben

Die Verbindung der triumphierenden, der streitenden und der leidenden Kirche – das ist die Einheit, die das Meßopfer stiftet

Am Fest Allerheiligen freut sich die Kirche ihrer Mitglieder, die ihre Wanderschaft in der Mühsal der Erde gut zu Ende gebracht und ihr Ziel erreicht haben: die Fülle des Lebens in der Gegenwart Gottes zu genießen und den Herrn auf Ewig zu loben und zu preisen. An Allerseelen gedenkt die Kirche und gedenken viele Gläubige ihrer verstorbenen Angehörigen, die als „büßende Kirche“ darauf warten, von den ihren Seelen anhaftenden irdischen Schlacken, die sie an der Anschauung Gottes hindern, gereinigt zu werden. Die Tradition hat für diesen Ort oder Vorgang der Reinigung im Anschluß an verschiedene Schriftstellen (KKK 1031) den Begriff des „Fegefeuers“ gefunden – den man nicht wörtlich verstehen muß, um doch seine Realität zu begreifen. Unter dem Einfluss populärer Allerlösungsvorstellungen ist diese Realität allerdings in den letzten Jahrzehnten vielerorts aus dem Bewußtsein geschwunden. Selbst im kirchlichen Bereich wird das „Seelenamt“ so die offizielle Bezeichnung für das, was die Tradition Totenmesse oder Requiem nannte, oft als „Auferstehungsamt“ bezeichnet.

Das Fegefeuer wird schlichtweg übersprungen, und die „armen Seelen“ und damit ein Dritt-Teil des Baus der Kirche geraten aus dem Blickfeld. Nicht ganz unbeteiligt daran dürfte auch die Gestaltung der Messtexte der Reformliturgie zum Allerseelentag sein, die ein Musterbeispiel für die Verflachung der Liturgie im Geist der Didaktik darstellt. Zugegeben, in der einen übrig gebliebenen Messe zum Tage ist noch (fast) alles drin, was „wirklich wichtig“ ist: In der Lesung der Rückgriff auf das 2. Buch der Makkabäer, der Zeugnis gibt von der historisch späten Erkenntnis des Weiterlebens der persönlichen Seele: Die ausgeführte Form dieses Glaubens bei Paulus im 1. Brief an die Tessalonicher; und schließlich der Bericht des Evangeliums über die Auferweckung des Lazarus samt den Worten Jesu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Doch schon das Tagesgebet ist Ausdruck bedenklicher Verflachung:

Allmächtiger Gott, wir glauben und bekennen, da0 du deinen Sohn als Ersten von den Toten auferweckt hast. Stärke unsere Hoffnung, da0 du auch unsere Brüder und Schwestern auferwecken wirst zum ewigen Leben.

Das ist weit entfernt von der klaren Aussage im Tagesgebet der 1. Messe der Überlieferung:

Gott, Schöpfer und Erlöser aller Gläubigen, schenke den Seelen Deiner Diener und Dienerinnen Nachlaß aller Sünden, damit sie die stets ersehnte Verzeihung durch fromme Fürbitten erlangen.

Das „die stets ersehnte Verzeihung“ rührt an einen besonders wunden Punkt der Reformliturgie und ihrer Prediger. Es gemahnt an die zur Verzeihung notwendige Reue und das damit verbundene Sündenbewußtsein - am besten zum Ausdruck gebracht durch eine aufrichtige Beichte. Also jenes Sakrament, das in den fortschrittlichsten Abteilungen der Reformkirche wire etwa der deutschen fast schon verschwunden ist.

Dann schließlich im Tractus:

Befreie o Herr, die Seelen aller verstorbenen Gläubigen von jeder Fessel der Schuld. Deine Gnade komme ihnen zu Hilfe, auf daß sie entrinnen dem Rachegerichte. Laß sie genießen des ewigen Lichtes Glückseligkeit.

Ganz weggefallen ist durch die „Reform“ die ergreifende Sequenz des Dies Irae, die seit vielen Jahrhunderten Ausdruck des Glaubens der Kirche von den letzten Dingen ist und diesen Glauben im Bewußtsein der Menschen geprägt und befestigt hat. Und mit dieser Sequenz ist alles weggefallen, was daran erinnert, da0 die in Christus versprochen und durch ihn bewirkte Erlösung kein Automatismus ist, der den Menschen schon gleichsam durch Geburt und Taufe einen Freifahrtschein zum Himmel verleiht, sondern die Eröffnung einer Möglichkeit, die eigener Anstrengungen bedarf, am Wirklichkeit zu werden. Und zwar eigener Anstrengungen, die nicht allein oder auch nur vorzugsweise darauf gerichtet ist, die Erde zu einem angenehmeren Ort für todos, todos, zu machen, sondern den Willen des Schöpfers und Vaters zu tun – denn dazu sind wird auf Erden, und darüber werden wird gerichtet, und wenn es den Predigern des Konzilsgeistes noch so sehr gegen den Strich geht.

Wir können nur jedem empfehlen, das Dies Irae, dessen Text in Deutsch und Latein auf dem Hymnarium geboten wird, einmal aufmerksam und andächtig zu lesen - von Strophe zu Strophe, von Absatz zu Absatz und nachzudenken über die dort gebotenen Abfolgen von Vorher und Nachher, von Ursachen und Folgen. Und für die Priester unter den Lesern eine Erinnerung daran, daß es in einer durchaus vertretbaren Auslegung des "oder ein anderes geeignetes Lied" in den _Willkür-Rubriken des Novus Ordo durchaus möglich ist, die unterschlagene Sequenz an anderer Stelle der Messfeier wieder einzubringen.

Es ist eben gerade pastoral gesehen völlig unzureichend, in dürren Worten einmal und an – betrachtet man die Realität des Gottesdienstbesuches – entlegener Stelle, einiges Richtiges zu sagen – und dabei viel Wichtiges unter den Tisch fallen zu lassen. Man muß es auch auf die richtige Weise sagen, und das heißt im Zusammenhang mit der Liturgie immer auch: In einer Weise, die dem Drama des in der heiligen Messe gefeierten Erlösungsopfers spürbar und fühlbar gerecht wird. Dieses Opfer war kein leerer Ritus, sondern eine kosmische Notwendigkeit zur Sühne für unsere Sünden, zur Abwendung eines Gerichtes, das sonst für alle, die im Schatten der Ursünde geboren werden, unabwendbar gewesen wäre.

Der Rückblick auf die drei Tage der Allerheiligenvigil, des Allerheiligenfestes und des Allerseelengedenkens führt zu einem niederschmetternden Befund. Das Bewußtsein von der Dreigliedrigkeit der Kirche in streitender, büßender und triumphierender Kirche ist so gut wie völlig verloren gegangen. Von der Lehre der Heiligen der Vergangenheit wollen sich starke Kräfte in der Kirche immer nachdrücklicher „emanzipieren“, und das Bewußtsein dafür, mit den nicht ganz so heilig dahingegangenen Vorfahren, Verwandten und Freunden weiterhin in einer geheimnisvollen Heilsökonomie verbunden zu sein, ist fast ganz geschwunden. Die „anthropologische Wende“ hält den Blick fest aufs Diesseitige gerichtet. Das Gebet für die „armen Seelen“ erscheint so nur noch als Aberglaube, den die nächste Stufe der Aufklärung restlos beseitigen wird.

Aber an Halloween gehören die Straßen den Zombies, Ogern und Horrorclowns, und neuerdings den gruseligsten von allen, der Gen-Z.

Das ist der Fortschritt.

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