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Zehn Dinge, die ein (links-)liberaler Katholik in USA vom Pontifikat Leos erwartet

24. Januar 2026

6 - Kirchenkrise

DDie spätabendliche Aufnahme zeigt in Vorder- und Mitelgrunf Petersplatz und Petersdom - und über der Kuppel schwebend das von Hunderten Drohnen gebildet Porträt von Franziskus

Der Geist Fanziskus’ schwebt über dem Chaos

Der katholische Unternehmer und Hob­by­-Liturgologe Andrew Likoudis ist regel­mä­ßi­ger Beiträger des progres­si­stischen Papalistenblogs „Where Peter Is“, findet gelegentlich jedoch auch in mehr der Mitte zuneigenden Publikationen einen Platz. Er ist also keiner von der gerade auf „Where Peter Is“ starken ultra-progressiven Fraktion, die womög­lich den deutschen Synodalen Weg links überholen würde, sondern gehört eher zum breiten Spektrum des „liberalen“ (also nach links neigenden) Mainstreams im US-Katholizismus.

Diese vorwegnehmende Einordnung erscheint uns wichtig: Die hier gebrachte Aufzäh­lung ist keine besonders radikale Wunsch- und Erwartungsliste – sondern die zehn Punkte ent­sprechen den Vorstellungen und Wünschen des großen Teils der amerikanischen Ka­tho­liken, die sich als Träger des katholischen Glaubens in der Zukunft verstehen und fast alles, was „vor dem Konzil“ war, als nicht mehr relevant betrachten. Besonders wichtig erscheint uns dabei, daß in den Ausführungen von Likoudis überdeutlich wird, daß einzelne Stichworte dieses Programms in den Ohren vieler traditionstreuer Katholiken durchaus vertraut und zustimmungsfähig klingen – in der nachkonziliaren Perspektive jedoch eine sehr verschiedene Bedeutung angenommen haben.

Der Artikel mit der Überschrift „In den Fußstapfen von Franziskus – 10 Linien der Kontinuität bei Leo XIV.“ wurde am 21. Januar auf „Where Peter Is“ veröffentlicht. Nach der hier ganz übersetzten Einleitung geben wir zu den folgenden zehn Punkten, die durchschnittlich jeder den Umfang einer Schreibmaschinenseite haben, nur knappe erläuternde Stichworte.

Es begint ein Zitat

Einleitung
Die ersten Worte eines neuen Papstes werden stets als wegweisend gedeutet. Papst Leo XIV. sagte den Kardinälen in seiner ersten Ansprache an das Kar­dinalskollegium unmiß­verständlich: „Ich möchte, daß wir heute gemein­sam unser uneingeschränktes Bekennt­nis zu dem Weg erneuern, den die Welt­kir­che seit den Jahrzehnten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil beschreitet. Papst Franziskus hat diesen Weg im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudi­um meisterhaft und konkret dargelegt.“

Papst Leo lobte seinen Vorgänger als „demütigen Diener Gottes und seiner Brüder und Schwestern“ und rief die Kardinäle auf, „dieses kostbare Erbe anzunehmen und den Weg fortzusetzen“. Dabei führte er einige grundlegende Punkte aus dem Schreiben des ver­storbenen Papstes weiter aus: „die Rückbe­sinnung auf den Primat Christi in der Verkün­digung (vgl. Nr. 11); die mis­sionarische Bekehrung der gesamten christlichen Gemein­schaft (vgl. Nr. 9); das Wachstum der Kollegialität und Synodalität (vgl. Nr. 33); die Hin­wendung zum Glaubenssinn (vgl. Nr. 119–120), insbesondere in seinen authentischsten und umfassendsten Formen, wie der Volksfrömmigkeit (vgl. Nr. 123); die lie­be­volle Sorge um die Schwächsten und Ausgestoßenen (vgl. Nr. 53); der muti­ge und vertrauensvolle Dialog mit der heutigen Welt in ihren verschiedenen Facetten und Realitäten (vgl. Nr. 84).“

Indem Papst Leo seine ersten Worte auf das Programm von Papst Franziskus und die Visionen des Zweiten Vatikanischen Konzils stützte, signalisierte er ein Pontifikat, das von Kontinuität geprägt ist und den Aufruf des Konzils zu Umkehr, Dialog und Mission in der heutigen Welt fortführen und verkörpern will. Diese Kontinuität haben wir den vergangenen Monaten erlebt.

(Das Folgende in teilweise starker Zusammenfassung)

1. Die Integrale Ökologie: Laudato Si’ und Papst Leo
Die Botschaft Leos vom 1. September an den Welttag des Gebetes für die Schöpfung beruhe weitgehend auf Franziskus Enzyklika, das gleiche gelte für seine Predigt zur ersten Feier der Messe für die Sorge um die Schöpfung und die Aktionen im Zusammen­hang mit der Eröff­nung des Borgo Laudato-Si’ als Bildungs- und Informationszentrum für nachhaltige Landwirtschaft.

2. Integrale menschliche Entwicklung im Zeitalter künstlicher Intelligenz
Der Abschnitt zählt mehre programmatische Veröffentlichungen und Reden von Franzis­kus zum Thema auf und lobt Leos Einsatz für deren Aufnahme und Umsetzung.

3. Das nahtlose Gewand als umfassende Lebens-Ethik
In den USA gilt der Bezug auf das „seamless garment“ Christi als Chiffree für eine um­fassende Ethik vom Wert des Lebens, die keine Unterschiede und Abstufungen aner­kennt – und seien sie auch noch so begründbar. Prägnantes Beispiel: Wer gegen die Ab­trei­bung ist, muß auch gegen die Todesstrafe sein – und umgekehrt. Schon als Kardi­nal, so Author Likoudis, habe sich Prevost vielfach in diesem Sinne der Ethik des „seamless garment“ geäußert, und alles deute daraufhin, daß er bei dieser Ansicht bleibe.

4. Migration und offene Grenzen
Mit Zitaten aus einer Predigt Leos vom 8. Juli letzten Jahres, dann zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge am 25. Juli und schließlich aus einer Ansprache vom 8. November belegt Likoudis die uneingeschränkte Unterstützung des Papstes für die derzeit in Europa praktizierte Politik der offenen Grenzen und macht sich Franziskus Sicht von „Immigranten als Missionaren der Hoffnung“ uneingeschränkt zu eigen.

5. Seelsorge für die LGBT-Community
Als positiv und gelungen bezeichnet der Autor den Versuch Leos, durch zahlreiche Äußerungen und signalhafte Aktionen (z.B. Audienzen für LGBT-Propagandisten) Entgegenkommen zu den Anliegen der LGBT-Community und in irregulären Beziehungen lebenden Personen zu signalisieren und anderseits auf der Fortgeltung der katholischen Lehre zu beharren.

6. Interreligiöser Dialog.
Schon am Tag nach seiner Wahl habe Leo zweifach die Bedeutung von „Dialog und Zusammenarbeit mit dem jüdischen Volk im Licht von Nostra Aetate“ betont. In enger Verbindung zu diesem Dialog sehe er das Eintreten für Frieden im mittleren Osten und in der Ukraine.

7. Ökumenismus
Im Geist von Franziskus’ Fratelli Tutti betrachte auch Papst Leo ökumenische Ans­tren­gungen und Fortschritt im allseitigen Dialog als grundlegende Bestandteile seines päpst­lichen Auftrags. Besonders hervorhebenswert erscheint dem Autor, daß Papst Leo bei einer ökumenischen Gebetsstunde in Iznik/Nikäa das Glaubensbekenntnis „aus Respekt vor dem Brauch der Orthodoxen“ ohne das Filioque gesprochen habe.

8. Weiterführung der Synodalität
Autor Likoudis hebt die mehrfachen Bekenntnisse von Papst Leo zur Fortsetzung des Syno­dalen Weges von Franziskus hervor und begibt sich in diesem Zusammenhang – das ist die einzige derartige Stelle seines Artikels – in eine Auseinandersetzung mit „tradi­tio­nalistischen“ Kräften, wenn er den Vorwurf von Bischof Athanasius Schneider zurück­weist, die gleichberechtigte Stimmabgabe von Bischöfen und Laien ziele auf eine lehr- und traditionsfremde „Demokratisierung der Kirche“ ab. Doch Versuche einiger Autoren, deshalb einen Unterschied zwischen dem Verständnis von Synodalität bei Franziskus und bei Leo festzustellen, weist er unter Hinweis auf einen anderen Beitrag auf „Where Peter Is“ zurück.

9. Gegen Klerikalismus und Starrheit
Seine Ausführungen zu diesem Punkt, dessen Behandlung unter Franziskus wegen dessen grober Ausdrucksweise in großen Bereichen des Klerus und auch der Gläubigen Unruhe hervorgerufen hatte, schließt Likoudis mit der beruhigend wirken sollenden Feststellung: Was hier in den Worten Leos zu Tage tritt, ist nichts Neues, sondern eine Weiterführung von Franziskus, nur in veränderter Tonart.

10. Liturgische Disziplin nach dem zweiten Vatikanum
Auch hier sieht der Autor keinen Anlaß, einen möglichen Unterschied zwischen Fran­zis­kus und Leo anzunehmen. Leo habe bekräftigt, an Traditionis Custodes festzuhalten – sei aber zu großzügigeren Ausnahmeregelungen bereit als Franziskus. Die Erlaubnis Leos für das Pontifikalamt von Kardinal Burke im Petersdom sieht Likoudis weniger als „Kon­zes­sion an die Agitation der Traditionalisten“ sondern als Ausdruck seines Entgegen­kom­mens gegenüber Formen der Volksfrömmigkeit. Das ist eine bemerkenswerte Idee, über die in anderem Zusammenhang näher nachzudenken ist.

Es begint ein Zitat

Zusammenfassung (auch diesen Abschnitt übersetzen wir komplett)
Papst Leo XIV ist weder „Franziskus II“ noch dessen Gegenteil. Seine ersten Schritte zeugen von einer bemerkenswerten Kontinuität seines Pontifikats: Dringlichkeit der Ökologie, Soziallehre zur KI, eine konsequente Ethik des Lebens, Mitgefühl für Migranten und LGBT-Katholiken, Engagement für Synodalität, Ökumene und Reformen. Vor allem hat Papst Leo sein Bekennt­nis zum Zweiten Vatikanischen Konzil unter Beweis gestellt. Was ihn also auszeichnet, ist kein Richtungswechsel, sondern ein veränderter Ton. Papst Leo verkörpert ein stilles Charisma und Vertrauen in die Reformen von Papst Franziskus. Er festigt sie institutionell, jedoch ohne die rhetorische Schärfe, die das Pontifikat von Franziskus prägte.

Ob dieser Ansatz letztendlich Erfolg haben wird, hängt weniger von symbo­lischen Gesten ab als von der Fähigkeit Papst Leos, inmitten der Polarisierung die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten und damit die Vision des Zweiten Vati­kanischen Konzils und von Evangelii Gaudium in eine Methode der Leitung und Mission für eine Kirche umzusetzen, die noch lernt, wie man Gemein­schaft zur gelebten kirchlichen Realität macht.

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Soweit also Likoudis. Dem ersten Absatz seiner Zusammenfassung können wir weitge­hend zustimmen. Den zweiten nehmen wir ernst als Diagnose und Beschreibung eines Zustandes, die wir so in gar keiner Weise akzeptieren können: Die Kirche hat ihre end­gültige „Vision“ nicht erst vom zweiten Vatikanum und den monströsen Dokumenten von Franziskus empfangen, und sie muß auch nicht noch lernen, wie man „Gemeinschaft zur gelebten Realität“ macht. Die Kirche hat ihre „Vision“, besser gesagt ihren Auftrag und ihr Ziel, nicht von einem Konzil des vergangenen Jahrhunderts und dessen Voll­strecker Franziskus empfangen, sondern von Christus und seinen Aposteln. Wollte man diese Vision in einem Wort zusammenfassen, so wäre das „Heiligkeit“ – und wie man diese Heiligkeit in Gemeinschaft oder in (schein­barer) Ein­sam­keit lebt und notfalls mit Blut besiegelt, haben ihr Generationen von Hei­ligen vorgelebt.

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