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Lateinamerika: Nur noch weniger als die Hälfte sind katholisch

24. Januar 2026

1 - Liturgie

Das Foto zeigt die Kathedrale von Aparecida aus der Luft aufgenommen mit den stark an Rom erinnernden Kolonaden eines Vorplatzes.

Die Kathedrale von Aparecida - ein zweites Rom?

In der vergangenen Woche veröffentlichte das renommierte PEW-Institut einen Bericht über die religiöse Demographie Lateinameri­kas, der darüber informierte, daß in den meisten Staaten Amerikas südlich des Rio Grande der Anteil der Katholiken unter 50 Prozent gesun­ken ist.

Lateinamerika galt lange als der katholische Kon­tinent überhaupt. Mitte der 60er Jahre – war da nicht gerade in Rom der „neue Frühling ausgeru­fen worden? – waren um die 85-90-Prozent aller Lateinamerikaner zumindest dem Namen nach katholisch. Etwa 5% gehörten protestantischen Denominationen an, der Rest bekannte sich zu heidnischen oder synkretistischen Kulten mit teils indigenen, teils afrikanischen Wurzeln. Danach setzte eine Umschichtung ein, die verschiedene Ursachen hatte. In der katholischen Kirche verschärfte sich mit der nachkonziliaren Verunsiche­rung der Zwiespalt zwischen Theologen und Bischöfen mit marxistischen Neigungen und deren Antipoden aus den Kasten der Großgrundbesitzer und Großindustriellen. Die Protestanten bekamen Auftrieb durch reichliche finanzielle Unterstützung aus den USA, die nicht zuletzt auch von Washington aus geopolitischen Motiven massiv gefördert wur­de. Verstärkte Suche nach nationaler oder ethnischer Identität und Umweltbewußtsein förderte die Rückkehr längst überwunden geglaubter heidnischer Vorstellungen. Promi­nentestes Beispiel dafür ist Pachamama, die in wesentlichen Teilen nicht dem tradi­tio­nellen Götterbestand Südamerikas angehört, sondern eine „Neuentwicklung“ darstellt, die alte heidnische Elemente und Umweltideologie verbindet und von daher auch ideale Voraussetzungen bietet, in die christliche Glaubenswelt einzudringen.

Zur Jahrtausendwende galten etwas über 70% der Bevölkerung des spanisch/portugie­sisch sprechenden Raumes als Katholiken, immerhin schon um die 15% als Protestanten und noch einmal ebenso viele bekannten sich zu nichtchristlichen Kulten oder als „glau­benslos“. In ganz Amerika (nord- wie süd-) ist seitdem der Anteil dieser sogenannten „Nones“ das relativ am stärksten wachsende Segment der Religionsstatistiken.

Die mit der Entwicklung bis zur Jahrtausendwende erkennbaren Tendenzen haben sich seitdem erheblich verstärkt – und wider Erwarten gerade auch noch einmal in den ver­gan­genen 10 Jahren, die durch das Pontifikat des Argentiniers Bergoglio geprägt sind. Den aktuellen Stand zeigt die hier übernommene Grafik des PEW-Instituts:

Im Gesamt­bild behält die katholische Kirche nur noch deshalb die dominierende Posi­tion im Religi­onsspektrum des Kontinents, weil die Nichtkatholiken sich auf zahlreiche Gruppie­run­gen aufteilen – deren gesellschaftlichen und politischen Einfluß man jedoch im Einzelfall nicht unterschätzen sollte. Die (nominellen) Katholiken zerfallen nach wie vor in drei unterschiedliche und oft wenig kooperationsfähige Richtungen: Am stärksten wohl die politisch eher linke, kirchenpolitisch „progressive“ und erkennbar befreiungs­theologisch beeinflusste Gruppierung; stark auf dem Rückzug eine politisch rechte, meist eng mit der Oberschicht verbundene Richtung, die man nur höchst begrenzt mit den „Traditiona­li­sten“ Europas oder Nordamerikas vergleichen kann – es gibt auch einen traditionalistischen Säkularismus. Schließlich die zunehmende Masse der nur noch nominell der Kirche angehörenden „Taufscheinkatholiken“. Diese haben, da es keine Kirchensteuer gibt, wenig Motivation zum formellen Austritt, nehmen aber ma­te­rielle Vorteile (vor allem im Sozial- und Bildungswesen) gerne mit und feiern begeistert Feste, deren christlicher Ursprung immer stärker in den Hintergrund tritt. Ganz ähnlich wie das säkularisierte Europa Weihnachten und Ostern.

Die lateinamerikanischen „Progressiven“ üben seit Jahrzehnten starken Einfluß auf die Kirche in Europa aus. Zunächst unter dem Einfluß befreiungstheologischer Vorstel­lun­gen vor allem auf die Universitätstheologie, seit dem Rückgang der Anziehungskraft marxistischer Ideen zunehmend durch einen spezifisch lateinamerikanisch geprägten Modernismus, der weniger sozialrevolutionär und mehr kirchenpolitisch ausgerichtet ist. Autoritative Gesamtdarstellung dieser Richtung ist die Schlußerklärung der 5. General­konferenz der lateinamerikanisch Bischöfe von 2007 in Aparecida, an deren Ausarbei­tung der damalige Kardinal Bergoglio als Vorsitzender der Redaktionskommission maß­geblichen Anteil hatte. Hier finden sich bereits alle Konzepte und Schlagworte, die das spätere Pontifikat von Franziskus bestimmten: „Missionarische Kirche“, „pastorale Beglei­tung“, „Stärkung der Laien“ und vor allem „Synodalität“. Aparecida mehr als die Dokumente des II. Vatikanums ist der authentische Ursprung der Gedankenwelt des Bergoglianismus – so wie der peronistische Autoritarismus Ursprung seines Regierungs­stils ist.

Die eigentliche Bedeutung der Ergebnisse der aktuellen Untersuchung des PEW-Institutes über die Situation der Religionen in Lateinamerika liegt unseres Erachtens darin, daß der dramatische Rückgang des katholischen Elements in dem Viertel­jahr­hun­dert der Dominanz des „Geistes von Aparecida“ ein starkes Indiz dafür ist, daß auch die­ser Geist ebensowenig wie der „Geist des Konzils“ die Kraft zeigte, einem bereits erkannten Niedergang entgegenzuwirken, ihn im Gegenteil vielleicht sogar noch beschleunigt hat. Gut möglich, daß die Kardinäle des jüngsten Konklaves in der nostalgischen Vorstellung befangen waren, Südamerika sei DER katholische Kontinent und es sei erfolgverspre­chend, die dort ausgearbeiteten Konzepte weiterzuverfolgen, selbst wenn der grobi­a­nische Regierungsstil Bergoglios den erhofften Erfolg zunächst verhindert habe. Das neue Zahlenwerk dürfte solchen Erwartungen einen guten Teil von Plausibilität entzogen haben.

Ob das gegenwärtige Kirchenregiment sich davon beeindrucken läßt, steht auf einem anderen Blatt. Die auf ihre eigene Staatstheologie bauende neukatholische Kirche Deutschlands jedenfalls hat seit vielen Jahrzehnten Gelegenheit, den theologischen und moralischen Zusammenbruch ihrer protestantischen Schwester­kirchen zu beobachten. Trotzdem hält sie eisern an einem Protestantisierungskurs fest, der erkennbar in den gleichen Zusammenbruch führt und vielfach bereits geführt hat. Wenig läßt vermuten, daß die Römer da einsichtsvoller wären.

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