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Dom Gueranger zum Beginn der hl. Woche: Das Gleichnis vom Feigenbaum

31. März 2026

3 - Tradition

Die Vignette Schmalzls aus dem großen Puste-Missale zeigt Szenen der Passion und die darauf hindeutenden Geschehnisse im Alten Testament.

Zusammenschau der Leidensgeschichte im alten und neuen Bund

Jesus begibt sich am Morgen (des Montags der Karwoche) mit seinen Jüngern nach Jerusalem, er war noch nüchtern, da er von Bethanien abging; denn die heilige Schrift er­zählt uns, daß ihn hungerte, als er nach der Stadt kam. Er nahte sich einem Feigenbaume aber der Baum hatte nur Blätter und keine Frucht. Da verfluchte Jesus den Feigenbaum und er verdorr­te auf der Stelle. Das kann natürlich nicht als ein Ausdruck des Unmuts betrachtet werden, wie solcher bei schwachen Menschen vielfach vorkommt, die sich gerne in Verwünschungen ergehen, wenn irgend ein zufälliges Ereig­nis ihre Wünsche kreuzt. Etwas derartiges bei dem Sohne Gottes voraussetzen zu wollen, wäre nicht nur kindisch und thöricht, sondern es wäre vermessen und sündhaft.

Die Absichten Jesu liegen tiefer und wir haben auch in solchen scheinbar unwichtigen Dingen nach einer tieferen Bedeutung zu suchen. Bei einigem Nachdenken ergibt sich denn auch, daß uns Jesus damit eine Lehre geben wollte; er zeigt uns in dem Schicksale des Feigenbaums das Los derer, die nur frommes Sehnen, aber niemals Früchte der Be­keh­rung zeigen. Die Anspielung auf Jerusalem, die darin liegt, ist nicht minder bezeich­nend. Diese Stadt entfaltete für die Äußerlichkeiten des Gottesdienstes einen glühenden Eifer, aber trotzdem war ihr Herz verblendet und verhärtet; so kam es, daß sie binnen Kurzem den Sohn des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht nur verwarf, sondern selbst kreuzigte.

Den Tag verbrachte Jesus großen Theils im Tempel, wo er lange Unterredungen mit den Hohepriestern und Ältesten des Volkes hatte. Er sprach mit größerer Kraft als je und die verfänglichsten Fragen scheiterten an seiner Weisheit. Im 21., 22. und 23. hat der heilige Matthäus uns die Einzelheiten dieser Unterredungen aufbewahrt und wir ersehen daraus, daß die Reden des Heilandes immer dringender werden, daß er den Juden in immer stärkeren Zügen das Verbrechen ihrer Untreue vorwirft und die göttliche Strafe schildert, die dasselbe nach sich ziehen muß.

Endlich verließ Jesus den Tempel und lenkte seine Schritte wieder gegen Bethanien. Als er auf den Ölberg gekommen, von wo aus man die Stadt übersehen konnte, setzte er sich einen Augenblick nieder. Seine Jünger benutzten die kurze Ruhe, um ihn zu fragen, wann denn eigentlich die von ihm vorhergesagten Drangsale über den Tempel hereinbrechen würden. Da faßte Jesus in großartiger Weise den Untergang Jerusalems und den Weltun­tergang am Ende der Zeiten, der im Untergang Jerusalems vorgebildet ist, in ein prophe­tisches Gemälde zusammen und verkündete, daß dies eintreten sollte, wenn das Maß der Sünden voll sei. Was die Zerstörung Jerusalems insbesondere angeht, so gab er ihnen die Zeit mit großer Genauigkeit an: Wahrlich ich sage euch, dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. (…, Rückwanderung nach Bethanien)

Auch (am 2. Tag der Woche) lenkte Jesus schon am Morgen seine Schritte nach Jerusa­lem.Er will sich in den Tempel begeben, um dort seine letzten Lehren nochmals zu bestä­tigen. Er weiß ganz genau, daß jetzt der schlimmste Teil seiner Sendung an ihn herantritt. Er hat je selbst heute seinen Jüngern gesagt: „Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern ist und der Menschensohn ausgeliefert wird, daß er gekreuzigt werde.“

Auf der Straße von Bethanien nach Jerusalem kamen die Jünger, welche ihren Meister begleiteten, auch an dem Feigenbaume vorüber, den Christus am Tage vorher verwünscht hatte. Der Baum war vollständig verdorrt, nur abgestorbenes Holz von den Wurzeln bis zum Gipfel. Da wendete sich Petrus an Jesus und sagte: „Meister, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.“ Jesus ergriff die Gelegenheit, uns zu belehrten, daß die ganze Natur dem Geiste unterworfen ist, wenn derselbe sich im Glauben mit Gott vereinigt. „Habet Glauben an Gott“, so erwiderte er den Jüngern; „wahrlich ich sage euch, wer zu diesem Berge spricht: Hebe dich und wirf dich ins Meer, und er zweifelt nicht in seinem Herzen, sondern glaubt, daß alles, was er sagt, geschehen werde: so wird es ge­sche­hen! Darum sage ich euch Was ihr immer im Gebete begehrt, glaubet nur, daß ihr es erhaltet, so wird es euch werden.“

Jesus setzt indes mit seinen Jüngern seinen Weg fort und erreicht bald die Stadt Jeru­sa­lem. Kaum ist er im Tempel angekommen, so findet er auch die Priester, die Schrift­ge­lehrten und Ältesten, welche mit allerlei verfänglichen Fragen an ihn heran kommen. Diesmal fragten Sie ihn: „Aus welcher Macht thust Du dies und wer hat Dir diese Macht gegeben, daß Du dies thust?“ Man kann im heiligen Evangelium (Markus 11, 27 – 28) die Antwort Jesu, die er bei dieser Gelegenheit gibt, nachlesen. (…) Wie an den vorher­gehenden Tagen so verließ auch diesmal Jesus gegen Abend die Stadt und zog sich nach Bethanien zu seiner Mutter und zu seinen Freunden zurück.

Gekürzt aus dem 6. Band der deutschen Ausgabe des „Kirchenjahres“ von 1877, S. 257 - 274

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