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Giftige Früchte der Reformen

Bild: Gefunden auf https://thesaintspub.wordpress.com/2015/04/20/ridiculous-photos-of-liturgical-abuse/Als Summorum Pontificum vor 12 Jahren seine Arbeit aufnahm, war „Protestantisierung“ einer der Begriffe, die unsere Befürchtungen zur Entwicklung der Liturgie in den vergangenen Jahrzehnten zum Ausdruck brachten. „Protestantisierung“ als Kürzel dafür, daß die überlieferte Lehre der Kirche, wie sie früher in der Feier der Liturgie und bei der Spendung der Sakramente zum Ausdruck kam, ersetzt oder abgeschwächt würde durch heterodoxe Vorstellungen nach dem Muster christlicher Gemeinschaften aus der Tradition der Reformation.

Wie weit dieser Vorgang inzwischen vorangeschritten ist, mag man daran ablesen, daß nach einer Umfrage des Pew Research Center von diesem Sommer nur noch ein Drittel der nominellen Katholiken in den Vereinigten Staaten den zentralen Glaubenssatz für wahr hält, daß in der heiligen Messe die Opfergaben ihrem Wesen nach in den Leib und das Blut Christi „transsubstantiiert“ werden, so daß Brot und Wein nur noch den äußeren Anschein bilden.

Für Deutschland und Mitteleuropa, wo die Kirche es peinlich vermeidet, derartige Dinge empirisch abfragen zu lassen, dürfte das Verhältnis noch schlechter ausfallen, da dank der Zwangsmitgliedschaft im von den Bischöfen mit Klauen und Zähnen verteidigten Kirchensteuersystem Kirchenaustritte (vorläufig noch) seltener sind als in den USA. Praktisch führt das dazu, daß statistisch der Anteil der „Taufscheinkatholiken“, die weder die Messe besuchen noch überhaupt wissen, was dort geschieht, wesentlich größer ist als in den USA, wo sich diese Gruppe meist irgendwann aus der Statistik verabschiedet. Hierzulande könnten wir froh sein, wenn wenigstens ein Drittel der mehr oder weniger regelmäßigen Kirch- und Kommuniongänger das Dogma der Transsubstantiation kennen und bekennen würde. Der äußere Schein von Gottesdienstgestaltung durch die „Vorsteher“ und das Verhalten der Gemeindemitglieder beim Kommuniongang sprechen dafür, daß protestantische Vorstellungen von Gemeinschaftsmahl und bloß symbolischer Gegenwart Christi sich weitgehend durchgesetzt haben.

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Dieser Prozess ist sicher nicht durch die Lektüre theologischer Schriften und auch nur zum geringeren Teil durch die Aufnahme häretisierender Predigten oder offen häretisierende Katechese vorangetrieben worden, auch wenn man die Auswirkungen eines katastrophal seinen Sinn verfehlenden Religionsunterrichtes nicht unterschätzen sollte. Den größten Anteil daran hat jedoch zweifellos die Zerstörung des Glaubenssinnes durch die „Liturgiereform“ und der anschließend mit brachialen Methoden durchgesetzte Novus Ordo. Der Mensch glaubt zunächst einmal das, was er sieht. Und das, was er bei der Neuen Messe Pauls VI. - selbst wenn diese ausnahmsweise einmal so gefeiert würde, wie sie im Buche steht - zu sehen bekommt, ist nicht geeignet, sinnfällig zu vermitteln, daß hier der menschgewordene Sohn Gottes durch die Actio des geweihten Priesters vor dem Angesicht seines Vaters und Weltschöpfers das Opfer der Versöhnung für die Sünden der Menschen erneuert. Die kosmische Dimension des Vorgangs ist praktisch nicht mehr erkennbar, die „vertikale“ Erstreckung bleibt verborgen.

Was der Besucher eines „normalen“ Sonntagsgottesdienst in der überwiegenden Mehrheit der Fälle wahrnimmt, ist eher geeignet, die Vorstellung einer Gemeindeversammlung hervorzurufen. Einer Gemeindeversammlung, in der die Teilnehmer eine nach eigenen Vorstellungen entwickelte Agenda (Fürbitten!) abarbeiten, als „Wort Gottes“ das hören, was sie schon immer so gewußt haben und sich gegenseitig ihres guten Willens versichern – alles auf Augenhöhe mit dem „Vorsteher“ und den anderen Teilnehmern und nur wenigen Gelegenheiten, den Blick über den geschlossenen Kreis hinaus zu erheben. Seinen Abschluß findet das Ganze dann in einem Gemeinschaftsmahl, das in einem symbolischen Bissen Brot und einem Schluck Wein die Gastfreundschaft des freundlich über allem schwebenden Geistes versinnbildlicht und so die Gemeinschaft des auf ihr ruhenden Segens „von oben“ versichert.

Eine immer stärker auf das Diesseitige konzentrierte Pastoral, die die Weltverbesserung in den Mittelpunkt stellt, verstärkt diese vom Ritus bewirkte Fehlorientierung der sinnlichen Wahrnehmung auf der Ebene des Verstandes, vor allem aber der Emotionen. Der gottesdienstliche Raum, früher „Allerheiligstes“ und heute eher „worship space“ wird zum Schauplatz einer „Tätigen Teilnahme“ von Aktivisten, deren Ziele und Vorgehensweisen sich nur noch in Äußerlichkeiten von denen anderer Gruppierungen der sogenannten „Zivilgesellschaft“ unterscheiden. Da sind Geschlechter-Quoten zu berücksichtigen und „benachteiligte Gruppen“ durch Sonderkontingente aufzuwerten – von den stärker als je zuvor sich bemerkbar machenden persönlichen Eitelkeiten und Ansprüchen ganz zu schweigen. Alles wie im „richtigen Leben“.

Von diesem Verständnis her ist es dann auch nur logisch, wenn unlängst in der bayrischen Ortschaft Forst Vertreterinnen der Frauen-Power-Gruppierung „Maria 2.0“ vor der Sonntagsmesse den Ambo besetzen, um ihre Forderungen einzubringen – und daß der mit einer der Damen verheiratete Organist empört den Dienst einstellt, als der Pfarrer versucht, dem Spuk ein Ende zu machen.  Nicht unbedingt logisch, aber auch keineswegs unerwartet, ist dann, daß das zuständige Ordinariat den Pfarrer tadelt und ankündigt, mit den Rebellinnen in einen wertschätzenden „Dialog“ treten zu wollen. Nichts Weltliches ist dieser Kirchenbürokratie fremd – aber daß der Ambo kein Rednerpult wie jedes andere ist, übersteigt offenbar die Vorstellungskraft dieser Kreise gewaltig.

Ein Anliegen der Liturgiereform bestand darin, die dem modernen Menschen angeblich schwer vermittelbare Unterscheidung zwischen profan und sakral zu entschärfen – in der Absicht, dem in der Alltagswelt verhafteten Menschen den Zugang zur Welt des Überirdischen zu erleichtern. Die Folge war, daß der Bereich des Sakralen in rasendem Tempo dem des Profanen erst zu- und dann untergeordnet wurde – bis hin zum Ambo, der nur noch ein Rednerpult ist, oder zum „eucharistischen Brot“, dessen Wesen nur noch darin besteht, Gemeinschaft zwischen Tischgenossen auszudrücken.

Die Menschen glauben eben das, was sie sehen.

Ob und inwieweit dieser Tendenz entgegen zu wirken ist, indem Priester und Gemeinde die Zelebration mit den Büchern des Novus Ordo in betonter Anlehnung an die Formensprache und Optik der überlieferten Liturgie gestalten – so wie das etwa im London Oratory oder in Heiligenkreuz praktiziert wird - steht dahin. In einigen Inseln mit eigener entsprechender Tradition mag das funktionieren, aber in der Fläche sieht es schlecht aus. Eine Rückgewinnung dessen, was bereits verlorengegangen ist, erscheint auf diesem Wege kaum möglich. Als kürzlich in einer Gemeinde in Portland der neue Pfarrer bei der Sonntagsmesse zur Papierform des Novus Ordo zurückkehrte und dazu unter anderem die biblischen Texte in ungegenderter Form vortrug und darauf bestand, die Fürbitten von politischen Parolen frei zu halten, löste er einen veritablen Aufstand des Pfarrei-Establishments aus.  Der „Vorsteher“ konnte sie nicht davon überzeugen, den Blick auch nur ein Weniges über den Rand des Kreises der Versammelten hinaus zu richten.

Eine solche Gemeinde wäre nicht nur von ihrer gesamten geistigen Disposition her unfähig, eine Liturgie in der überlieferten Form zu ertragen. Sie verliert auch in den Formen des Novus Ordo immer mehr die Fähigkeit, das zu „tun, was die Kirche tut“. Wo – wie in Forst – hl. Messen dann ausfallen oder anderswo Laien (in der Regel sind es Laiinnen) in Wortgottesdiensten die Messe simulieren, verliert die Gemeinde auch das Sakrament. Sie weiß es vielleicht noch nicht, aber sie hat sich faktisch bereits von der Kirche abgespalten.

Der mit der Durchsetzung der Liturgie Pauls VI. eingeleitete Zerfallsprozess bleibt jedoch nicht auf solche Fälle des vollendeten Übergangs zum Protestantismus begrenzt. Inzwischen ist eine neue, weitergehende Stufe erreicht, auf der die Akteure den Raum des Christlichen überhaupt zu verlassen beginnen, indem sie sich rein säkularen und teilweise dezidiert antichristlichen Vorstellungen unterwerfen – bis in den ehemals sakramentalen Bezirk hinein.

Nichts anderes ist zu erwarten, wenn die „Lebenswirklichkeit der Menschen“ in einer immer stärker entchristlichten Gesellschaft zum maßgeblichen Bezugsrahmen gemacht wird. Eine Pfarrei in Kalifornien setzte in diesem Frühjahr ein Anmeldeformular für den Kommunionunterricht ins Internet, in dem die Eltern ihre 6-jährigen Kinder in den Kategorien male, female und „gender neutral“ anmelden konnten. Und in Südamerika, wo freilich sowieso alles drunter und drüber geht, hat ein leibhaftiger Erzbischof es einem Paar von zwei „verheirateten“ Frauen erlaubt, sich als „Mutter 1“ und „Mutter 2“ in das Taufzeugnis ihres wie auch immer produzierten Kindes eintragen zu lassen. Und wo das zugegebenermaßen wohl noch Randerscheinungen sind, zeigen Dokumente wie das Arbeitspapier für die Amazonas-Synode oder die päpstliche Unterstützung der synkretistischen „Gemeinsamen Erklärung von Abu Dhabi“, wie weit unchristliches, heidnisches und letztlich anti-christliches Gedankengut schon ins Zentrum vorgedrungen sind.

Nicht alle solche Erscheinungen sind ausschließlich auf die Liturgiereform zurückzuführen. Aber die Unterwerfung der Liturgie unter die angeblichen Erfordernisse der „modernen Pastoral“ hat entscheidend dazu beigetragen, Liturgie und Lehre der Kirche aus dem Raum des Vorgegebenen herauszulösen und der Willkür von Tagesmoden zu unterwerfen. Sie hat das Immunsystem des menschlichen, des irdischen Körpers der Kirche schwer geschädigt. Die „Früchte des neuen Frühlings“ erweisen sich als vergiftet und zersetzen den ganzen Organismus.

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