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'Gender' im Missale und die Folgen

Bild: US.Catholic 2015Gestern gedachte die deutschkatholische Kirche des 30. Jahrestages der offiziellen Zulassung von Mädchen als Messdienerinnen – Papst Johannes Paul II. in jahrelang praktiziertem Ungehorsam gegen mehfach ausgesprochene und bekräftigte Verbote des Vatikans abgetrotzt. Heute sieht man in vielen Kirchen sonntags fast nur noch Mädchen im Altardienst – werktags bleiben auch die meistens weg – aber mit den ins Bodenlose fallenden Zahlen bei Priesterberufungen hat diese Verdrängung der Jungen aus dem Altardienst natürlich nicht das geringste zu tun. Und damit, daß immer mehr Frauen sich nun die Priesterweihe ertrotzen wollen, auch nicht. An manchen Tagen – gestern und heute waren wieder mal solche – hat das synodalistische Zentralorgan katholisch.de kaum ein anderes Thema als „Geschlechtergerechtigkeit“ am Altar und im Kirchenrecht.

Dabei wäre nur ein wenig angewandte Jugendpsychologie nötig gewesen, um diese Entwicklung vorauszusehen: Allen Gleichmachungsphantasien zum Trotz sind nicht nur Männer und Frauen, sondern auch Mädchen und Jungen in vielem ziemlich verschieden. Gerade in den für den Altardienst (und potentielle Berufungen) kritischen Jahren zwischen 9 und 14 sind Mädchen oft gewandter, kommunikativer und spirituell aufgeschlossener sowie sozial „interaktiver“ und „leichter handelbar“ als die meisten Jungen. Die spüren ihre (da vorübergehend eher vermeintlichen) Defizite und reagieren mit Rückzug – voilà.

Wie es der Zufall so will, hörten unsere auf die Wahrnehmung der Symptome des Gleichstellungsfurors trainierten Ohren am vergangenen Sonntag (5. nach Pfingsten) in der Secreta eine dort eher selten vorkommende Wendung: „Herr, sei gnädig unseren Bitten und nimm diese Opfergaben Deiner Diener und Dienerinnen huldvoll an…“ Im Lateinischen: „Oblationes famulorum famularumque“. Diese „inkludierende“ Rederweise kommt sonst hauptsächlich im Zusammenhang mit Fürbitten für (mehr oder weniger) konkrete Personen vor: Im Gedächtnis der Lebenden zu Beginn des Kanons und im Gedächtnis der Toten zu dessen Ende. Auch im Requiem zu Allerseelen und den davon abgeleiteten „Totenmessen“ kommt sie vor – dort nicht nur in der Sekreta, sondern auch im Tagesgebet.

Hier geht es weiterDas ist nachvollziehbar. Wo Priester und Gläubige zumeist ganz bestimmter Verstorbener gedenken, könnte das sonst übliche „generische maskulin“ von dem einen oder anderen, der seine Frau oder Mutter betrauert, etwas schroff empfunden worden sein. Bei der Sekret eines ganz gewöhnlichen Sonntags wäre die „inklusive“ Formulierung von daher nicht erforderlich gewesen, zumal die Sekret überhaupt darum bittet, die Früchte des Opfers allen zukommen zu lassen, die an der Opferfeier teilgenommen haben, darüberhinaus der ganzen Kirche – Klerikern wie Laien, Frauen wie Männern.

Sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie das „famularumque“ dennoch in die Sekret des 5. grünen Sonntags gekommen ist, erscheint müßig. Wir haben nicht nachgeforscht, wann diese Sekret entstanden ist – es war mit Sicherheit lange vor dem Aufkommen des Genderwahns. Vielleicht hat der Schreiber, dem die Aufnahme in den Text geschuldet ist, gerade zuvor ein Reguiem besucht – die „organische Entwicklung“ der Liturgie enthält auch Spielraum für den „menschlichen Faktor“. Im Allgemeinen können wir davon ausgehen, daß der Umgang mit der Sprache in weiten Perioden der Kirchengeschichte nicht in dem Umfang von der „Hermeneutik des Verdachtes“ und daraus resultierende „political correctness“ geprägt war, wie wir das heute erleben.

Wie verwickelt das werden kann, ist oder war an einem weiteren Beispiel aus dem Text des Messordinariums zu sehen. Das heutige Gebet „Orate Fratres“ zum Abschluß der Opferung wurde während des frühen und hohen Mittelalters nicht ausschließlich, aber doch wohl überwiegend eingeleitet mit den Worten „Orate fratres et sorores“. Im späteren Mittelalter hat diese Einleitung dann allmählich die „sorores“ verloren – ohne daß das jemals angeordnet worden oder eine Begründung dafür gegeben worden wäre. Heute wird diese Entwicklung dahingehend verstanden, daß eine ursprünglich an die ganze Gemeinde gerichtete Gebetsaufforderung nunmehr bewußt an die Mitwirkenden des Altardienstes „umgewidmet“ worden sei – tatsächlich wird das „Suscipiat…“ heute nach den Rubriken von 1962 nur noch von einem Teil der Meßdiener gebetet. Wer will mag darin einen Ausdruck der angeblich nach Trient erfolgten „Klerikalisierung“ der Messliturgie sehen, obligatorische Frauenfeindlichkeit inklusive.

Nach der Originalform des Novus Ordo wird das „Suscipiat“ wieder ausdrücklich vom ganzen Volk gesprochen, die Anrede „Orate Fratres“ wurde allerdings nicht „geschlechtergerecht“ ergänzt. Das deutsche Messbuch hat dieses römische Versäumnis in seiner Übersetzung „korrigiert“. Allerdings ist dort das „Suscipiat“ nur die dritte und längste von drei vorgesehenen Optionen – und damit in der Praxis so gut wie „abgeschafft“.

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