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Ephraims 8. Hymnus auf das Paradies

26. Juni 2026

3 - Tradition

Repro des ersten Hymnus auf das Paradies von Ephraim dem Syrer aus dem Thesaurus Hymnologicus von Albert Daniel, Bd. 1

Als Schriftprobe der Anfang des 1. Hymnus auf das Paradies im Original – den 8. haben wir nicht.

Die theologische Methode von Ephraim dem Syrer, den wir hier in der letzten Woche vorgestellt ha­ben, läßt sich wohl am besten mit einem Ausdruck wie „schriftfundiert-poetisch-spekulativ“ beschreiben. Zur Verdeutlichung des damit Gemeinten bieten wir hier den 8. Hymnus auf das Paradies nach der englischen Übersetzung von Sebastian Brock. Der Erkenntniswert und auch die Sug­gestivkraft dieser Methode sind unbestreitbar, sie scheint jedoch auch Risiken zu enthalten – zumindest aus der Sicht des (früher einmal) von lateinischer Strenge geprägten Westens. Wenn wir die Übersetzung Brocks richtig verstanden haben, kommt Ephraim in diesem Hym­nus zumindest in die Nähe de Lehre, die Papst Johannes XXII. im 14. Jh. den Vorwurf der Häresie eingebracht hat: Daß die Seelen der in der Gnade Ver­storbenen erst dann ins Paradies und die Anschauung Gottes einträten, wenn sie nach dem Welt­ge­richt wieder mit ihren Körpern vereinigt seien. Von daher wundern wir uns auch etwas über seine Erhebung zum Kirchenlehrer durch Benedikt XV. Auf der anderen Seite bringt der Hymnus mit der zweiten Hälfte von Strophe 10 das ganze strenge Wenn-Dann-Vorher-Nachher-Zeitgefüge ins Wan­ken, von dem sich die Westkirche in ihrer Adaption des aristotelischen Weltverständnisses binden läßt – mög­li­cherweise nicht immer zu ihrem Vorteil.

Der 8. Hymnus auf das Paradies von Ephraim dem Syrer

1. Aus der Schrift, die vorgelesen wurde,
drang zu meinem Ohr
ein Wort, das mich erfreute –
es handelte vom Schächer
und spendete meiner Seele Trost
inmitten all ihrer vielen Sünden.
Es berichtete, wie Er Erbarmen mit dem Schächer hatte –
O möge Er auch mich
in jenen Garten führen, bei dessen Nennen
ich von Freude überwältigt bin;
mein Geist sprengt seine Fesseln,
als er auszog, um Ihn zu schauen.

Responsorium: Würdige mich, dass wir
Erben in Deinem Reich werden.

2. Dort erblickte ich eine Wohnung
und ein Zelt des Lichts,
eine Stimme verkündet:
„Gesegnet sei der Schächer,
der aus Gnade und unverdient
die Schlüssel zum Paradies empfangen hat.“
Ich stellte mir vor, er sei bereits dort –
doch dann bedachte ich,
dass die Seele das Paradies
nicht wahrnehmen kann
ohne ihren Gefährten, den Leib –
ihr Werkzeug und ihre Harfe.

3. Da erfasste mich Beklemmung
an diesem Ort der Freuden
und ich erkannte, dass es nicht heilsam ist,
in verborgene Dinge einzudringen.
Mit Blick auf den Schächer
kam ich in ein Dilemma:
Wenn die Seele fähig wäre,
zu sehen und zu hören
ohne ihren Leib,
warum ist sie dann in ihn gebannt?
Und wenn der Leib nicht mehr lebt,
warum sollte die Seele mit ihm sterben?

4. Daß die Seele nicht sehen kann
ohne die Hülle des Leibes,
das beweist der Leib selbst:
Denn wenn der Leib erblindet,
ist auch die Seele in ihm blind
und tastet sich mit ihm voran;
sieh, wie das eine auf das andere blickt
und es bezeugt:
wie der Leib der Seele bedarf,
um zu leben,
und wie auch die Seele des Leibes bedarf,
um zu sehen und zu hören.

5. Wenn der Leib taub wird,
ertaubt auch die Seele,
und sie verfällt in Verwirrung,
wenn der Leib vor Krankheit taumelt.
Obwohl die Seele aus sich selbst
und für sich selbst existiert,
fehlt ihr ohne ihren Gefährten
die wahre Daseinsweise:
Sie gleicht vollkommen einem Embryo
im Mutterleib,
dessen Dasein noch
frei von Wort und Gedanke ist.

6. Wenn die Seele, solange sie im Leib ist,
einem Embryo gleicht
und unfähig ist,
weder sich selbst noch ihren Gefährten zu erkennen,
wie viel schwächer wird sie dann erst sein,
sobald sie den Leib verlassen hat
und nicht mehr aus sich heraus über die Sinne verfügt,
die ihr als Werkzeuge
dienen könnten.
Denn erst durch die Sinne ihres Gefährten
strahlt sie hervor und wird offenbar.

7. Jene selige Wohnstatt
weist keinerlei Mangel auf,
denn jener Ort ist vollkommen und in jeder Hinsicht
zur Vollendung gebracht;
doch die Seele kann dorthin
nicht allein gelangen,
denn in diesem Zustand mangelt es ihr an allem –
an Wahrnehmung und Bewusstsein.
Erst am Tag der Auferstehung
wird auch der Leib mit all seinen Sinnen
und allem, was zu seiner Vollkommenheit gehört,
dort Einzug halten.

8. Als die Hand des Schöpfers
den Leib erschuf und formte,
damit er seinem Schöpfer
Loblieder singen möge,
war diese Harfe stumm
und hatte noch keine Stimme.
Dann hauchte er ihr (der „Harfe“)
die Seele ein, die darin sang.
So gewannen die Saiten Klang,
und die Seele erlangte durch den Leib
die Sprache, um Weisheit zu verkünden.

9. Als Adam
in jeder Hinsicht vollkommen war,
da nahm ihn der Herr
und setzte ihn ins Paradies.
Für sich allein konnte die Seele dort
aus sich selbst nicht eintreten,
sondern sie traten gemeinsam ein,
Leib und Seele,
rein und vollkommen an jenen vollkommenen Ort –
und gemeinsam verließen sie ihn, nachdem sie
befleckt worden waren.
Daraus sollten wir lernen,
dass sie bei der Auferstehung wieder
gemeinsam eintreten werden.

10. Adam war nachlässig
als Wächter des Paradieses,
denn der listige Dieb
drang heimlich ein;
unter Missachtung der Frucht (vom Baum der Erkenntnis)
– nach der die meisten Menschen begehren würden –
stahl er stattdessen
den Bewohner des Gartens!
Adams Herr kam herbei, um ihn zu suchen;
Er drang in das Totenreich (Scheol) ein und fand ihn dort,
dann führte Er ihn heraus,
um ihn erneut ins Paradies zu versetzen.

11. So wohnen in den herrlichen Wohnstätten
an den Grenzen des Paradieses
die Seelen der Gerechten
und Rechtschaffenen,
und erwarten dort
die Leiber, die ihnen lieb sind,
auf daß beim Öffnen
des Tores zum Garten
Leiber wie Seelen gleichermaßen
unter Hosanna-Rufen verkünden:
„Gesegnet sei Er, der Adam aus dem Scheol geführt
und ihn in Gemeinschaft mit vielen
ins Paradies zurückgebracht hat.“

*