Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Ein Abend mit Erzbischof Marini

Pater Christopher Lazowski berichtet über die Vorstellung des neuen Buches von Erzbischof Marini

Der Buchumschlag

Erzbischof Marini im Amt

Am vergangenen Mittwoch hat das Institut Supérieur de Liturgie – es ist Teil der theologischen Fakultät der katholischen Universität von Paris – eine Veranstaltung zur Vorstellung eines Buches mit Interviews von Erzbischof Marini durchgeführt: „Cérémoniere des papes: entretiens sur la liturgie avec Vincent Cabanac et Dominique Chivot.“

Der Abend war gut besucht. Einige Bischöfe waren da – unter ihnen auch der Apostolische Nuntius – sowie ein Mit-Benediktiner, Erzbischof Le Gall von Toulouse. Ein kurzer Blick über die Anwesenden zeigte, daß sie recht deutlich in zwei Gruppen zerfielen. Die älteren Kleriker und Nonnen trugen Zivil und schauten säuerlich drein. Die jüngeren Priester trugen römischen Kragen, und die jüngeren Nonnen Schleier und bodenlangen Habit – alle aus dieser zweiten Gruppe schauten vergnügt drein. Es waren auch viele Seminaristen anwesend. (...)

Br. Patrick hatte den Erzbischof gebeten, zum Thema : „Liturgie und große Versammlungen – der Einfluss päpstlicher Liturgien auf das liturgische Leben von Ortskirchen“ zu sprechen. Ich muß zugeben, daß ich froh war, daß er sich nicht eng an das vorgegebene Thema hielt, sondern auf umfassendere Weise über seine Erfahrungen als päpstlicher Zeremonienmeister berichtete.

Er begann mit einigen Ausführungen über den historischen Einfluß der päpstlichen Liturgie auf die gesamte Kirche des Westens (...) Als er dann über die jüngste Reform der Römischen Liturgie sprach, sagte er etwas, das mich überraschte. Er behauptete, daß diese Reform die speziell römischen Züge aus der Liturgie entfernt und den römischen Ritus damit besser geeignet für die ganze Lateinische Kirche gemacht hätte. Ich bin mir nicht sicher, was er damit meint. Der Entwicklungsprozess des römischen Ritus von einem Lokalritus zum allgemeinen Ritus des Westens begann lange vor den 60er Jahren, und mir sind spontan auch keine im engeren Sinne „römischen“ Elemente bewußt, die aus dem älteren Missale Romanum entfernt worden wären. Wenn Leser mir da weiterhelfen könnten, wäre ich dankbar. Ich kann mir auch nicht vorstellen, welche „römischen Elemente im engeren Sinne“ ,möglicherweise ein Hindernis für die fruchtbare Teilnahme an der Liturgie hätten bilden können.

Vieles von dem, was Erzbischof Marini über seine Erfahrungen als päpstlicher Zeremonienmeister zu sagen hatte, war hoch interessant. Er sprach viel über über Inkulturation bei päpstlichen Zeremonien. Dabei schien er die allgemeine Ansicht zu bestätigen, daß Papst Johannes Paul ihm in dieser Hinsicht viel Freiraum gelassen hat. Er sagte: „Der Papst hat mir vertraut“ und das in einem solchen Ton, als wolle er andeuten, daß Papst Benedikt ihm nicht vertraute. Einige der Beispiel, die er für Inkulturation anführte, machten mir erhebliche Bauchschmerzen, aber er führte auch aus, daß er vor allem bei den Auslandsreisen nicht immer vollständig Herr des Geschehens gewesen sei. Von einigen der besonders exotischen Zwischenspielen, insbesondere bei liturgischen Tänzen, scheint er unangenehm überrascht worden zu sein. Andere Beispiele von Inkulturation, die er zustimmend anführte, erschienen mir eher als Ausdruck von Synkretismus.

Er sprach auch das Problem der manchmal übergroßen Zahl von Kozelebranten und der Austeilung der hl. Kommunion an große Volksmengen an. Dabei wurde deutlich, daß er alle bisher versuchten Lösungsansätze als wenig zufriedenstellend betrachtete. Wenn ich das recht verstanden habe, erwähnte er beiläufig, daß Papst Benedikt kürzlich ein Dokument gebilligt habe, das die Zahl der Konzelebranten auf die Anzahl begrenzt, die in einer eindeutigen Beziehung zum Altar stehen – also nicht mehr, als der Altarraum fasst. Einige der von ihm erwähnten Mittel, mit denen man die Kommunion an große Massen gespendet hatte, waren wirklich mehr als seltsam. In einem Fall wurden Konzelebranten mit Bussen zur Kommunionspendung gefahren. Anläßlich des Weltjugendtages in Paris hatte man Unmengen von Hostien schon einen Tag vorher in Zelten am Rande des Geländes konsekriert und sie während der Papstmesse von diesen „eucharistischen Zelten“ aus ausgeteilt.

Der Erzbischof äßerte sich auch zu einer anderen Frage, die hier in den letzten Tagen Anlaß zu Diskussionen gegeben hatte: Der Platz des hl. Vaters während des Wortgottesdienstes bei den Papstmessen. Er machte unmißverständlich klar, daß es keine gute oder gar nachahmenswerte Idee ist, einen Sessel vor den Altar zu stellen und dann während der Eucharistiefeier wieder wegzutragen. Er selbst favorisierte eine Lösung, vor dem Pfeiler gegenüber der Statue des hl. Petrus einen ständigen Thronsitz einzurichten. Interne Widerstände innerhalb des Vatikan hätten es ihm jedoch nie erlaubt, diese Vorstellung in die Praxis umzusetzen.

Mehrfach wurde das Konzept der „participatio actuosa“ angesprochen. Es liegt auf der Hand, daß Erzbischof Marini die verbreiteten Mißverständnisse in dieser Sache teilt. Führ ihn ist „aktive Teilnahme“ untrennbar mit der Verursachung von Geräuschen und oder irgendeiner Form von Herumlaufen verbunden. Dieses Mißverständnis führt notwendig zu allen möglichen anderen Irrtümern – etwa der Ablehnung des größten Teiles des musikalischen Erbes der Kirche. Aber gegen Ende seiner Rede kam noch ein viel schwerwiegenderer Irrtum ans Licht. Während er darüber sprach, daß die Liturgie kein Schauspiel sei, nickte ich gerade zustimmend mit mit dem Kopf, als er sagte: „Wir müssen uns immer dessen bewußt sein, daß der eigentlich Handelnde in der Liturgie...“ - nach dem Zusammenhang erwartete ich nun, daß er „Christus“ sagen würde. Und als er dann tatsächlich sagte: „...das Volk Gottes ist.“, fiel ich fast vom Stuhl. Denn das ist nicht, was Sacrosanctum Concilium sagt:

ZitatProinde omnis liturgica celebratio, utpote opus Christi sacerdotis, eiusque Corporis, quod est Ecclesia, est actio sacra praecellenter, cuius efficacitatem eodem titulo eodemque gradu nulla alia actio Ecclesiae adaequat.”

Der Handelnde ist Christus, und die Kirche handelt insofern, als sie Sein mystischer Körper ist. Wenn man sagt, daß das Volk Gottes der eigentliche Handelnde ist, macht man die Liturgie zur Handlung eines kopflosen Körpers, eines Leichnams.

Nach einigen weiteren kurzen Ansprachen des Erzbischofs von Lille, des Bischofs von Saint-Etienne und P. Pierre Faure S.J. sowie einer kurzen Zeit für Fragen bot der Bischof von Langres eine Zusammenfassung. Seine abschließenden Bemerkungen entsprachen der Einleitung von P. Cabanac – beide zusammen vermittelten mir den definitiven Eindruck, daß das „liturgische Establishment“ - also diejenigen, die glauben, daß die tatsächlich erfolgte Reform der Liturgie auch dem tatsächlichen Willen des Konzils in Sacrosanctum Concilium entspricht – in der Defensive ist. „Wir müssen die Reform des Konzils verteidigen“ sagte er . Andere mögen meinen, daß wir sie erst noch durchzuführen haben.

Mein genereller Eindruck von Erzbischof Marini - sowohl nach seiner Rede als auch nach dem, was ich bis jetzt von seinem Buch gelesen habe, ist, daß er nur zur Hälfte begriffen hat, worum es der liturgischen Bewegung geht. Immer wieder ging es mir so, daß ich mit dem, was er zu sagen schien, übereinstimmte – nur um dann umso stärker von den Folgerungen, die er daraus zog, enttäuscht zu werden. Die gesamte Erfahrung vermittelte einen sehr guten Eindruck davon, warum der hl. Vater einen neuen Zeremonienmeister ernannt hat.

Zum Abschluß noch ein Zitat aus dem Buch von Erzbischof Marini, in der er Papst Benedikt seine Reverenz erweist:

Zitat Für mich ist Papst Benedikt nicht nur ein Liturgieexperte, sondern auch jemand, der die Liturgie im Wissen um ihr eigentliches Wesen lebt. Ich konnte dies vom Beginn seines Pontifikates an feststellen, als ich mehrfach mit ihm auf Reisen war, und Gelegenheit hatte, Zeuge seines Sinnes und seines Verständnisses der Liturgie zu sein Er ist der Schüler großer Lehrer – unter anderem auch Romano Guardinis. Es ist schwer, in der Geschichte der Päpste seit dem Ende des ersten Jahrtausends einen weiteren Papst zu finden, der so wie er vom Geheimnis der Liturgie erfüllt ist.


Anekdotischer Nachtrag

Im Rahmen der Diskussion seines Artikels auf TNLM teilte Pater Christopher noch folgendes mit: "Nach der Veranstaltung war eine Signierstunde. Ich hatte ein Exemplar gekauft und wollte es signieren lassen, dabei kam ich in der Warteschlange hinter der hochwürdigsten Mutter Äbtissin von St. Louis du Temple zu stehen, die ich schon gelegentlich getroffen hatte. So unterhielten wir uns beim Warten. Als sie am Kopf der Schlange angekommen war und ihr Buch zum Signieren hinhielt, sagte sie nicht, daß sie die Äbtissin war, sondern nur "für die Benediktinerinnen von St. Louis du Temple". Sie trug einen Mantel und einen Schal, so daß man ihr Brustkreuz nicht sehen konnte, daher sagte ich seiner Exzellenz: "Und sie ist die Mutter Äbtissin". Da sprang er auf, als ob ihn jemand mit einer Nadel ins Hinterteil gestochen hätte und reichte ihr mit formvollendeter Höflichkeit die Hand."

Wir entnehmen diesen Bericht von Pater Christopher samt Nachtrag leicht gekürzt The new Liturgical Movement vom 30. 12.. Übersetzung der Arbeitsgruppe.