Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Den Reichtum der alten Liturgie bewahren

Interview über Summorum Pontificum mit Kardinal Castrillón Hoyos im Osservatore Romano

18. 3. 2008

Das nachfolgend übersetzte Interview, das Gianluca Biccini mit dem Kardinal geführt hat, ist am 28.3. im Osservatore Romano erschienen. Das italienische Original ist im Internet auf Papa Ratzinger Blog verfügbar; unsere Übersetzung beruht im wesentlichen auf der englischen Version in WDTPRS. Wir haben es um einige redaktionelle Zutaten gekürzt, aber die als Ausführungen des Kardinals gekennzeichneten Passagen vollständig erhalten.

Kardinal Hoyos: Dank des Motu Proprio haben bereits eine Reihe von Leuten gebeten, in die volle Einheit der Kirche zurückzukehren, und einige sind bereits zurückgekehrt. In Spanien wurde die „Oase Jesu, des hohen Priesters“ - ein Konvent von 30 in Klausur lebenden Nonnen samt ihrer Gründerin – bereits von Ecclesia Dei regularisiert, amerikanische, französische und deutsche Gruppen sind auf gutem Wege zur Regularisierung. Außerdem haben einzelne Priester und viele Laien Kontakt mit uns aufgenommen und um Rekonziliation gebeten, außerdem gibt es natürlich viele andere Gläubige, die ihre Dankbarkeit gegenüber dem Papst und ihre Freude über das MP zum Ausdruck gebracht haben.

Gianluca Biccini: Dem Papst ist vorgeworfen worden, er wolle ein Modell der Liturgie durchsetzen, in dem die Worte und Vollzüge des Ritus anscheinend allein dem Priester vorbehalten sind, während die Gläubigen letztlich außen vor bleiben und von einer direkten Beziehung mit Gott ausgeschlossen sind.

Kardinal Hoyos: Am Fest der Taufe des Herrn hat Papst Benedikt XVI. in der Sixtinischen Kapelle im Grunde die hl. Messe auf das Kruzifix hin gefeiert. Der Papst hat in italienischer Sprache nach der ordentlichen Form zelebriert, nach der die Möglichkeit zur Zelebration an einem nicht versus populum gerichteten Altar nicht ausgeschlossen ist und die auch die Zelebration in Latein vorsieht. Wir müssen bedenken, daß die ordentliche Form die Messe ist, die gemäß den nachkonziliaren Reformen regulär von allen Priestern gefeiert wird, demgegenüber ist die außerordentliche Form die Messe aus der Zeit vor der Liturgiereform, die nach den Normen des Motu Proprio heute alle feiern können und die nie verboten war. Das ist die Form, die für mehr als 1400 Jahre in Gebrauch war. Dieser Ritus, den wir den „gregorianischen“ nennen könnten, inspirierte die Messen von Palestrina, Mozart, Bach und Beethoven, die großen Kathedralen und wunderbare Werke der Malerei und Bildhauerei.

Gianluca Biccini: Dennoch kommt auch einige Kritik von Seiten der Bischöfe?

Kardinal Hoyos: einige haben Probleme, aber das sind nur Ausnahmen, die große Mehrheit sieht sich in Übereinstimmung mit dem Papst. Eher treten einige praktische Schwierigkeiten auf. Es ist nötig, ganz klar zu machen, daß es nicht um eine Rückkehr zur Vergangenheit geht, sondern um ein Voranschreiten, weil wir nun zwei Quellen des Reichtums besitzen statt nur einer. Und dieser Reichtum wird in einer Form angeboten, die die Rechte derer achtet, die sich der älteren Liturgie besonders verbunden fühlen. Es kann beispielsweise vorkommen, daß ein Priester nicht die Ausbildung und auch nicht das Gefühl für die entsprechende Kultur hat. Es reicht schon, an Priester aus Regionen zu denken, deren Sprache weit vom Lateinischen entfernt ist. Wir haben es nicht immer mit einer Verweigerungshaltung zu tun, es gibt auch reale Schwierigkeiten, die zu überwinden sind.

Der Kardinal baut auch hier, wie in anderer Richtung, goldene Brücken. Deshalb schweigt er von der klaren Vorgabe des kanonischen Rechtes, das eine Vermittlung tragfähiger Lateinkenntnisse in der Priesterausbildung verlangt. Es ist einigermaßen skandalös, daß in manchen Diözesen die selbstverschuldete Mißachtung dieser Vorgabe nun zur Begründung herangezogen wird, auch das Motu Prorio zu mißachten.

Unsere Kommission denkt daran, Formen der Hilfe für Seminare, Diözesen und Bischofskonferenzne zu organisieren. Ein anderes Untersuchungsgebiet ist die Förderung multimedialer Mittel zum Erlernen der außerordentlichen Form mit all dem theologischen, spirituellen und künstlerischen Reichtum, der sich mit der alten Liturgie verbindet. Darüberhinaus erscheint es wichtig, die Gruppen von Priestern einzubeziehen, die bereits die außerordentliche Form praktizieren und die sich anbieten, die Feier der hl. Messe nach dem Missale von 1962 vorzuführen und zu lehren.

Gianluca Biccini: Es gibt also keine Probleme?

Kardinal Hoyos: Die Meinungsverschiedenheiten kommen eher aus einem Mangel an rechtem Verständnis. Da gibt es Leute, die uns um Erlaubnis bitten, als ob wir es mit einem Genehmigungsverfahren oder einer Ausnahmeregelung zu tun hätten, aber das ist nicht der Fall. Der Papst hat das ganz deutlich gemacht. Es ist auch ein Irrtum einiger Leute und einiger Journalisten, wenn sie meinen, daß der Gebrauch der lateinischen Sprache nur den älteren Ritus betrifft, während er doch nach dem Missale Pauls VI. Ebenfalls vorgesehen ist.

Durch das Motu Proprio Summorum Pontificum bietet der Papst allen Priestern die Möglichkeit, die hl. Messe auch in der traditionellen Form zu feiern, und den Gläubigen die Möglichkeit, im Rahmen der im Motu Proprio beschriebenen Bedingungen, ihr Recht auf die Feier der Messe in diesem Ritus auszuüben. Gianluca Biccini: Wie haben Gruppen wie die Piusbruderschaft reagiert, die sich geweigert haben, die Messe nach dem im Anschluß an das 2. Vatikanische Konzil erlassenen „Novus Ordo“ zu feiern?

Kardinal Hoyos: Die Lefevbriten haben von Anfang an bekräftigt, daß die alte Form niemals abgeschafft worden ist. Es ist klar, daß sie nie außer Kraft gesetzt wurde, auch wenn vor dem Motu Proprio viele der Meinung waren, sie wäre verboten. Heute kann sie sie für alle Gläubigen, die das wünschen, gefeiert werden, soweit das möglich ist. Aber es ist ebenso klar, daß sie nicht gefeiert werden kann, wenn es keine Priester gibt, die dazu entsprechend ausgebildet sind, es geht ja nicht nur um die lateinische Sprache, es geht auch um den alten Ritus als solchen. Für unsere Kultur ist es nicht nur ein religiöses Bedürfnis, ab und zu eine stille Zeit zu finden. Ich erinnere mich, daß ich als Bischof einmal an einem Kurs für höheres Management teilgenommen habe, wo man davon sprach, daß Manager einen halbabgedunkelten Raum zur Verfügung haben sollten, in den sie sich zurückziehen und die Dinge überdenken könnten, bevor sie Entscheidungen treffen. Schweigen und Kontemplation sind auch heute notwendige Haltungen, und erst recht dann, wenn es um die göttlichen Geheimnisse geht.

Gianluca Biccini: Seit der Veröffentlichung des Motu Proprio sind nun 8 Monate vergangen. Trifft es zu, daß es auch in anderen kirchlichen Körperschaften Zustimmung gefunden hat?

Kardinal Hoyos: Der Papst hat der Kirche einen Schatz zugänglich gemacht, der spirituell, kulturell, religiös und katholisch ist. Wir haben zustimmende Briefe von Prälaten aus orthodoxen Kirchen und von anglikanischen und protestantischen Gläubigen bekommen. Es gibt auch einige Priester aus der Priesterbruderschaft Pius X., die als Einzelpersonen um ihre Regularisierung nachsuchen. Einige haben bereits ihre Formula adhæsionis (Erklärung der Treue zum Hl. Stuhl) unterschrieben. Wir wissen auch, daß es gläubige Laien gibt, die der Bruderschaft nahestehen, die begonnen haben, Gottesdienste im alten Ritus in Diözesankirchen zu besuchen.

Gianluca Biccini: Wie ist eine Rückkehr zur „vollen Gemeinschaft“ für Menschen, die exkommuniziert sind, möglich?

Kardinal Hoyos: Die Exkommunikation bezog sich nur auf die vier Bischöfe, die ohne Auftrag des Papstes und gegen seinen Willen geweiht worden waren; die Priester sind nur suspendiert. Die von ihnen gefeierten Messen sind ganz zweifellos gültig, aber nicht rechtmäßig, und daher ist eine Teilnahme nicht empfohlen, es sei denn, es gäbe sonntags keine andere Möglichkeit. Jedenfalls sind weder die Priester noch die Gläubigen exkommuniziert. Ich möchte unterstreichen, wie wichtig ein klares Verständnis dieser Zusammenhänge ist, damit man alles richtig beurteilen kann. Gianluca Biccini: Haben Sie keine Befürchtungen, daß der Versuch, Männer und Frauen, die das 2. Vatikanum nicht anerkennen, in die Kirche zurückzuholen, eine Entfremdung der Gläubigen bewirken könnte, die das 2. Vatikanum als den Kompass ansehen, nach dem wir das Schifflein Petri gerade in diesen Zeiten unaufhörlicher Veränderungen steuern?

Kardinal Hoyos: Das Problem des Konzils ist nach meiner Ansicht nicht so schwerwiegend, wie es erscheinen könnte. Tatsächlich haben die Bischöfe der Bruderschaft einschließlich ihres Vorsitzenden Msgn. Bernard Fellay das 2. Vatikanum ausdrücklich als ökumenisches Konzil anerkannt. Fellay hat dies bei einer Zusammenkunft mit Papst Johannes Paul II. und noch ausdrücklicher in einer Audienz bei Papst Benedikt XVI. am 29. August 2005 unterstrichen. Wir können auch nicht übersehen, daß Msgn Marcel Lefevbre alle Dokumente des Konzils unterzeichnet hat. Ich denke, daß ihre Kritik am Konzil sich vor allem darauf bezieht, daß es einigen Texten an Klarheit mangele, wodurch der Weg zu Interpretationen geöffnet werde, die nicht mehr mit der Tradition vereinbar sind. Die größten Schwierigkeiten betreffen also die Interpretation oder auch einige Gesten auf ökumenischer Ebene, aber nicht die Lehren des 2. Vatikanums. Hier haben wir es mit theologischen Diskussionen zu tun, die ihren Platz innerhalb der Kirche haben können, wo ja tatsächlich über unterschiedliche Auffassungen zur Interpretation der Konzilstexte diskutiert wird - diese Diskussion kann auch mit Gruppen fortgesetzt werden, die in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückkehren.

In der Errichtungsurkunde des Instituts vom guten Hirten wurde diese Möglichkeit bereits ausdrücklich festgeschrieben, s. dazu unseren Bericht über das IBP.

Gianluca Biccini: So macht die Kirche also auch durch dieses Motu Proprio über die alte Liturgie ein Angebot zur Versöhnung?

Kardinal Hoyos: Ja, ganz ohne Frage, denn das, was katholisch ist, drückt sich am klarsten in der Liturgie aus, die auch die Quelle der Einheit ist. Ich liebe den Novus Ordo sehr, den ich täglich zelebriere. Ich hatte nach den postkonziliaren Reformen der Liturgie nicht mehr nach dem Missale von 1962 zelebriert. Doch nachdem ich jetzt wieder manchmal im alten Ritus zelebriere, entdecke ich auch aufs neue den Reichtum der alten Liturgie, den der Papst lebendig erhalten will, indem er diese Jahrhunderte alte Form der römischen Tradition bewahrt.

Wir dürfen nie vergessen, daß der entscheidende Bezugspunkt in der Liturgie wie im ganzen Leben immer Christus ist. Deshalb haben wir keine Furcht, uns auch im Ritus der Liturgie ihm zu zu wenden, hin zum Kreuz, zusammen mit den Gläubigen, um auf unblutige Weise das hl. Opfer zu feiern, wie das Konzil von Trient die Messe definiert hat.